Samstag, 29. März 2014

Stadttheater Heilbronn - Portraits - Angelika Hart, Schauspielerin (2006)

Angelika Hart, Schauspielerin am Heilbronner Stadttheater

Sie ließ sich gern nach Heilbronn verführen

Von Jürgen Dieter Ueckert

IM STERNZEICHEN Waage wurde Angelika Hart am 12. Oktober 1965 geboren. In Rodewisch im Vogtland – damals noch DDR, „bei einem kleinen zänkischen Bergvolk“, wie sie heute die Vogtländer zärtlich umschreibt. In der von Textilindustrie geprägten Landschaft lebte die Tochter eines Lehrers jedoch nur vier Jahre lang. Dann zog sie mit ihren Eltern nach Leipzig.

KÜNSTLERISCHE Prägungen gab ihr der Vater mit, der zunächst in einer Amateur Kabarettgruppe spielte, dann die „Academixer“ in Leipzig gründete – ein bis heute im Osten Deutschlands bekanntes und berühmtes Kabarett. Angelika Hart wuchs jedoch nach der Scheidung der Eltern bei ihrer Mutter auf, einer gelernten Industrieschneiderin, die in Leipzig als Abteilungsleiterin arbeitete. Sie hat noch zwei Halbgeschwister, die zehn und zwanzig Jahre jünger als sie sind.

DIE ERINNERUNG an die Schulzeit ruft bei ihr spontan den Satzhervor: „Ich war immer eine gute Schülerin.“ Der Freundeskreis war für sie eine „Quasifamilie“. Gemeinsame Urlaube und Fahrradtouren festigten den Zusammenhalt. In der kommunistischenDiktatur zog man sich automatisch in die Privatsphäre zurück – um dem Druck zu entgehen, „was wir zu sagen und zu denken hatten“. Sie arbeitete im „Pionierkabarett“ mit, sang auch im Chor – „und ich habe ohne Ende gelesen“. In der Zeit vor dem Abitur, da „wusste ich schon, was ich mal beruflich machen wollte“.

DIE BÜHNE war das Ziel. „Ab 15 oder 16 Uhr ging ich schon allein ins Theater – alles, was geboten wurde, konsumierte ich – ob Oper, Operette, Schauspiel oder Kabarett.“ Die Prüfung an der Schauspielschule in Leipzig war für Angelika Hart „der grausigste Tag in meinem Leben“. Vorher hatte sie sich als „echte Alternative“ zurechtgelegt: „Wenn du in der Schauspielschule durchfällst, dann studierst du Physik in Dresden.“ Wie die heutige Bundeskanzlerin Angela Merkel.

VORSPRECHROLLEN hatte sie aus Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ und Brechts „Der Gute Mensch von Sezuan“ ausgewählt. Und sie wurde prompt genommen. Zehn Dozenten hatten zu entscheiden. Das Ergebnis: 10 zu 0 für Angelika Hart. „Ein gutes Studium war es – keine Studiengebühren, aber 200 Mark Stipendium.“ Zehn Mark kostete dieMiete, fünf Pfennig das Brötchen, ein Bier 50 Pfennig und ein Essen 1,20 Mark. „Uns hat es einfach an nichts gefehlt“, erinnert sich Angelika Hart, die von 1984 an vier Jahre lang studierte. Erstes Engagement dann in Neustrelitz, einem Dreispartenhaus.

UMBRUCH lautete in dieser Zeit das politische Stichwort: „Diepersönliche Karriere als Schauspielerin hat nicht interessiert.“ Angelika Hart diskutierte 1989/90 an runden Tischen – „wir wollten uns unsere Zukunft erkämpfen“. Bis den Bürgerbewegten klar wurde, „dass wir lediglich bundesrepublikanisch werden“. Das Volk hatte sich nämlich für eine Zukunft entschlossen, so ihre bittere Einsicht, „die nichts mit dem zu tun hatte, für das wir gekämpft hatten“. Trotzdem erinnert sie sich gern an jene Zeit, „als man sagen konnte, was man wollte – die Zensur kapitulieren musste, wenn man Politiker ernst nimmt“.

DIE FRAGE für Angelika Hart lautete: „Bleibe ich noch Schauspielerin.“ Sie wohnte in Berlin, gastierte drei Jahre am Cottbusser Staatstheater – und hatte dort einen „unglaublich tollen Vertrag“. 1991 wurde Tochter Julie geboren, 1997 Luise. Geheiratet hat sie nicht, „weil der Vater der Kinder nicht so auf Familie steht“. 1998 ging es dann ans Stadttheater Baden-Baden. „Ein Kulturschock – von der Kulturmetropole Berlin in die badische Provinz.“ Am Anfang glaubte sie: „Das hältst du nicht aus.“ Aber sie hat unentwegt gespielt, „tolle Rollen – wie die Piaf“.

NACH HEILBRONN wurde sie vom Intendanten Klaus Wagner 2002 zum Vorsprechen eingeladen. „Na, dachte ich mir, da musst du mal hinsemmeln.“Und Wagner stürzte sich auf sie „wie der Teufel auf die arme Seele“. Nach dem Vorsprechen sagte er ihr: „Ich muss Sie haben.“ – Angelika Hart lacht schallend: „Und wenn man so gewollt wird, lässt man sich gern verführen.“

WECHSEL aber auch in Heilbronn nach kurzer Zeit: Klaus Wagner und Jürgen Frahm gingen in den Ruhestand, Dr. Martin Roeder-Zerndt wurde beider Nachfolger als Theater-Manager. Angelika Hart erinnert sich: „Das war ein emotional schwieriger Wechsel für viele.“ Viele Stars der Wagner-Ära mussten gehen – „dieser Bruch hat belastet“. Zunächst fremdelte sie mit den neuen Ensemble-Mitgliedern. Aber heute ist die Crew zusammengewachsen, „wir stehen zu dem, was wir machen“. Wie bewertet die Schauspielerin den spürbaren Zuschauer-Rückgang: „Es trifft uns, wenn wir abgelehnt werden – und wir diskutieren viel, wie das Ruder herumgerissen werden kann.“ Angelika Hart will der Kontroverse ums Theater und dem daraus resultierenden Weggang des Intendanten im Jahr 2008 mit einem ganz schlichten Konzept begegnen: „Mit gutem Theater.“

AN HEILBRONN gefällt ihr, dass ihre Kinder sich hier wohl fühlen – und vor allem das Mineralwasser, „wegen der Osteoporose, das nehme ich sogar mit in den Urlaub“. Als alleinerziehende und berufstätigeMutter wünscht sie sich allerdings mehr Ganztagsschulen in Baden-Württemberg. Lieblingsrollen, die sie sich noch für die Bühne wünscht? „Lady Macbeth will ich noch spielen, ansonsten viele böse, große, starke Frauen.“

echo am Sonntag

Stadttheater Heilbronn - Portraits - Henning Sembritzky, Schauspieler (2006)

Henning Sembritzki ist Schauspieler am Stadttheater Heilbronn

Vom Choleriker zum sanften Vater

Von Jürgen Dieter Ueckert

IM HERBST wird Henning Sembritzki Vater werden. Seine Lebensgefährtin Manu, mit der er vor wenigen Wochen eine gemeinsame Wohnung in Heilbronn bezogen hat, lernte er erst "hier im Schwäbischen" kennen. "Geplant war das Kind nicht, aber ich fühle mich bereit dazu", sagt der 31-Jährige, "und ich freue mich sehr darauf, Vater zu werden." Ob es ein Junge oder ein Mädchen wird, das sei ihm gleich, antwortet der strahlende Papa in spe lachend - und zieht genüsslich an seiner Zigarette.

HEILBRONN ist dem gebürtigen Bochumer vor seinem Engagement am Stadttheater kaum ein Begriff gewesen. Er wusste, dass in und rund um die Stadt Wein angebaut wird. Sein erster Eindruck: "Ich kam mit dem Auto, es war ein Sonnentag, ich sah Boote auf dem Neckar, die Weinberge, die schöne Landschaft - und war froh, hier zu sein." Sein zweiter Eindruck: die Innenstadt. "Und das war dann eher abstoßend, obwohl ich aus dem Ruhrgebiet ja einiges gewohnt bin."

WIDDER ist das Sternbild, unter dem er am 5. April 1975 das Licht der Welt erblickte. "Ein Feuerzeichen, temperamentvoll, vermischt sich bei mir etwas mit dem Krebs", sinniert er vor sich hin. Aber bei der Partnerwahl hat er nie an Sternzeichen geglaubt: "Da vertraue ich eher meiner Intuition." Das Sternzeichen seiner Lebensgefährtin Manu: Löwe. Der bedächtig formulierende, eher sanft und ruhig wirkende Henning Sembritzki kann jedoch - ganz seinem Sternzeichen entsprechend - zornig und aufbrausend werden. Trotzig wie jene Fußballfans, die "Bochum ich komm aus Dir", das Herbert-Grönemeyer-Lied im Stadion anstimmen, wenn es darum geht, den Gegner einzuschüchtern.

EIN WILDES KIND sei er gewesen, der Sohn eines Realschul-Rektors und einer Sozialpädagogin. "Ich war sehr anstrengend, sehr cholerisch, war viel draußen in der Natur, bin auf Bäumen herumgeklettert", erinnert er sich. "Es kam vor, dass meine arme Mutter, vollbepackt mit Tüten nach dem Einkauf, Mühe hatte, ihren Sohn Henning, der sich vor Zorn auf die Straße geworfen hatte, wieder zum Aufstehen zu bewegen." In der Pubertät habe sich das gelegt, als die Mädchen riefen "Henning, der Choleriker". Aber er habe verständnisvolle Eltern und Lehrer in der Waldorfschule gehabt. Was erregte seinen Zorn? "Ungerechtigkeit vor allem - aber ansonsten war ich ein sozialer Mensch und ein guter Junge", betont er lächelnd, "nur beim Fußball da ging die Auseinandersetzung bis hin zur Prügelei."

VIER GESCHWISTER hat Henning Sembritzki, zu denen er bis heute ein gutes Verhältnis hat. Die jüngste Schwester tritt als Schauspielerin in seine Fußstapfen. Alle, der Bruder und seine drei Schwestern, die Mutter und der Vater, kommen oft zu seinen Premieren nach Heilbronn angereist. Ohne Fernseher sind die Sembritzki-Kinder aufgewachsen, es wurde viel Musik gemacht. Ein frommer Christ ist der evangelisch getaufte Henning nicht, aber ein gläubiger Mensch: "Ich habe mich mit den verschiedenen Religionen beschäftigt und bin dabei auf Jahrtausende alte Wahrheiten und Weisheiten gestoßen - und suche immer weiter." Wenn er nach stundenlangem Surfen erschöpft von seinem Brett an der französischen Atlantik-Küste steigt, "dann habe ich oft ein Gefühl für die großartige Schöpfung".

NACH ABITUR (1995) und Zivildienst (1996/97), den er als Studienhelfer für körperbehinderte Studierende in Bochum verbracht hatte, war ihm klar: "Die Uni ist nichts für mich." Obwohl sein Vater es gerne gesehen hätte, wenn er studiert hätte. In die Theaterszene rutschte er einfach so hinein. Genaue Vorstellungen, welche Richtung er einschlagen sollte, hatte er allerdings nicht. Zunächst einmal assistierte er bei einer freien Regisseurin, die mit einer "schwierigen Schulklasse" Goldonis "Diener zweier Herren" an der Schule seines Vaters erarbeitete. Dann spielte er die Hauptrolle in einer freien Theatertruppe, die Tankred Dorsts "Merlin" aufführte. Später arbeitete er in der Requisite des Bochumer Schauspielhauses. Danach: Regieassistent an einem Theaterprojekt mit Junkies in Wiesbaden.

AUSTOBEN in der Natur, immer mit einem Messer im Bett einschlafen, wie ein Indianer - das sind seine Erinnerungen an die ersten zehn Lebensjahre. Die Erinnerungen an das zweite Lebensjahrzehnt: Der Schock durch den Tod des geliebten Großvaters - und die erste Liebe. Eine amerikanische Austauschschülerin, die in Deutschland blieb - und mit der er die Welt bereiste: USA und Südafrika. "Im Alter von 24 begann ich dann meine Ausbildung an der Folkwang-Schule in Essen - war auch letzte Eisenbahn." Regie oder Schauspiel war die Frage. Nach kurzer Zeit hatte er sich entschieden, und es nicht bereut. Bis heute fasziniert ihn die Antike - vor allem die Tragödie. Mit einem Antikenprojekt am Düsseldorfer Schauspielhaus unter Leitung des Regisseurs Theodoros Terzopolos ging es sogar nach Griechenland - an die Geburtsstätte des europäischen Dramas. Im Zentrum dabei stand: Animalisches, Tänzerisches - die Körpersprache.

HEILBRONN ist für Henning Sembritzki das erste Engagement. Und er fühlt sich wohl im Ensemble des Stadttheaters: "Das ist ein gutes Haus für junge Menschen, die sich in verschiedenen kleinen und großen Rollen ausprobieren können." Viel Freude hat ihm die Auseinandersetzung mit der Rolle des Spiegelberg in Schillers "Räuber" bereitet. Aber auch den Hahn im Weihnachtsmärchen "Bremer Stadtmusikanten" zu spielen, war ihm ein Vergnügen: "700 Kinder in Begeisterung zu versetzen - vielleicht auch ein wenig zu steuern, das begeistert." Oder in Garcia Lorcas "Bluthochzeit", in der er den Leonardo spielt, bei lyrischen Stellen die Atmosphäre so zu gestalten, dass dieser Moment ein Erlebnis für Schauspieler und Publikum wird, "das ist grandios - da spielt der Schauspieler nicht gegen oder für, sondern mit dem Publikum".

MUSIK ist ein wesentliches Element von Theater. Für Henning Sembritzki, der verschiedene Instrumente spielt und auch singt, ist es schön, dass er seinem Hobby Musik in Heilbronn auch auf der Bühne frönen kann. Was er sich für die Zukunft wünscht? Bei der Geburt seines Kindes will er dabei sein ("Ich hoffe, ich halte es durch"). Schöne Rollen zu spielen - "vor allem William Shakespeare, den ich bisher noch nicht auf der Bühne gespielt, sondern nur für mich gearbeitet hatte". Und dass ihr Stadttheater den Menschen der Region "Mut macht, Fragen stellt, Phantasie frei setzt und Lust auf Leben macht."

echo am Sonntag

Stadttheater Heilbronn - Portraits - Atef Vogel, Schauspieler (2005)

Atef Vogel verläßt zum Ende des Spielzeit das Stadttheater Heilbronn

Der Star des Heilbronner Theaters
ist ein "Mann mit dem guten Herzen"

Von Jürgen Dieter Ueckert

SEIN NAME gibt vielen Menschen Rätsel auf. Wer sich allein auf die Suche macht, findet im Lexikon „Atef“, die „Göttin aus Amduat“. In der Kombination „Kem-Atef“ weist der Name auf eine „mythologische Schlange“ hin, „die sich unaufhörlich verjüngt“. Und für Atef Vogel stammt sein Vorname schlicht aus dem afghanischen - ist ein sogenannter „erzählender Name“ und heißt übersetzt „Mann mit dem guten Herzen“. Der Grund: Seine Mutter ist Deutsche, der Vater Afghane.

EIN NORDLICHT ist der am 21. April 1977 in Hannover im Sternzeichen „Stier“ geborene Atef Vogel: „Erdverbunden – und manchamal auch ein wenig stur“. Aber “Nordlicht“ blieb er nicht lange. Mit neun Jahren zog er nach Oberhausen ins Ruhrgebiet – wegen der Scheidung der Eltern zu seiner Mutter. Er erinnert sich an eine „ganz normale Schulzeit im Pott“ – bis hin zum Abitur. Und er denkt gerne an seine zweite Heimat Nordrhein-Wetsfalen zurück: „Vor allem an die Mentalität der Menschen – ein offener und herzlicher Menschenschlag.“ Später hat er das oft vermisst, wenn bei anderen erst nach vielem hin und her klar wurde, was eigentlich gemeint war.

SPORT war während seiner Schulzeit ein ganz gewichtiger Teil in seinem Leben. Von 1994 bis 1997 gehörte er dem Kader der deutschen Judo-Nationalmannschaft an – und im Jahre 1996 war er sogar Deutscher Meister im Judo. Aber diese „Extremerfahrung im Leistungssport“ ließ ihn irgendwann fragen: „Ist es denn so wichtig immer besser zu werden?“ Bei vielen älteren Sportkameraden sah er, wie sie an den Folgen ihrer Aufopferung für den Sport körperlich litten. Das Fazit für Atef Vogel lautete: „Das hat für mich keine Zukunft.“

ZUM THEATER kam er, „weil mich ein Mädchen dort stark interessierte“. Schule oder Elternhaus hatten ihm weniger Impulse für das Interesse an dem vermittelt, was für ihn heute „die Bretter sind, die die Welt bedeuten“. Und aus „Lust an der Freude“ war er gleich mittendrin – in der Theaterspiel-Werkstatt des Stadttheaters Oberhausen. Mit richtigen Schauspielern auf der Bühne stehen, diese Leidenschaft packte ihn – und wurde auf der Studiobühne des Theaters Realität. An das Stück damals erinnert er sich auch noch: Theresa Walsers „Brim“. Für den Schüler Atef Vogel eine „tolle Erfahrung“. War er trotz Theater als Hobby ein gute Schüler? „Ich war bestimmt kein braver Schüler, aber ein guter schon.“

VORSPRECHEN an deutschen Schauspielschulen war schon während seiner Zivildienstzeit angesagt. Denn für Atef Vogel stand ohne Zweifel und jegliches Wanken damals fest: „Ich werde Schauspieler.“ An vier Schulen in Deutschland zeigte er sein Können – und in München wurde er genommen. Die acht Semester dauernde Ausbildung absolvierte er an der renommierten „Bayrischen Theaterakademie August Everding“. Hobbies oder ähnliches – zum Ausgleich? „Nein, das Schauspielstudium ist eine sehr intensive Angelegenheit, die bindet auch emotional ein.“ Sport hatte er mehr als genug als tagtägliches Arbeitspensum – dazu Sprechen und Singen lernen, „so dass andere Menschen auch bereit sind, zuzuhören“. Und er musste herausfinden, sich so zu bewegen, dass Zuschauer kapieren, was auf der Bühne gespielt wird.

SPIELEN war schon während des Studiums für Atef Vogel ein Selbstverständlichkeit – ob am Residenztheater oder in Off-Theatern wie dem Münchner Metropol. Neben diesen Bühnenauftritten gehören auch Filme für ihn zur notwendigen Einübung in den Schauspielerberuf. Auf vier Arbeiten, in denen er mitgespielt hat, weist er stolz hin: Matthias Lehmann „Doppelpack“, Vivian Naefe „So schnell Du kannst“, Rainer Matsutani „Schaukampf“ und Miguel Alexandre „Geheimnis des Lebens“. Lieblings-Spielfilme von Atef Vogel? Die Dogma-Filme von Lars von Trier. Lieblingsschauspieler im Kino: Marlon Brando und Isabelle Huppert. Und auf der Bühne? „In der Studentenzeit haben mich Michael Mertens oder Edgar Selge beeindruckt.“

BEI DEN KLASSIKERN der Theaterliteratur nennt er spontan als seine Lieblinge Friedrich Schiller und Gotthold Ephraim Lessing – „und natürlich Heinrich von Kleist, ich bin ein Fan seiner Sprache.“ Hermann Hesse war der Romanautor seiner Jugend, „aber jetzt, wo ich älter werde, kommt er mir oft geschwätzig vor“. Atef Vogel liest gerade „Gefährliche Geliebte“, ein Buch des Japaners Haruki Murakami, in dem ein Mann bereit ist, für seine plötzlich auftauchende geheimnisvolle Jugendliebe seine ganze bisherige Existenz aufzugeben. Essen und Trinken gehören für ihn aber neben Lesen auch zu unverzichtbaren sinnlichen Genüssen. Er kocht selber gern, „vor allem afghanisch“. Und „die selbstgemachten Maultaschen oder den Bärlauch, das habe ich erst hier richtig kennen- und liebengelernt.“

SEHR VIEL GLÜCK habe er mit Heilbronn gehabt. Gereizt hat ihn die neue Theateraera unter dem Intendanten Martin Roeder-Zerndt. Atef Vogel ist glücklich darüber, dass „ich ein völlig uneitles Ensemble vorfand, das sich über alle Probleme konstruktiv auseinandersetzt.“ Mit jedem im Hause könne er offen reden. Intrigen, die Theaterleuten oft nachgesagt werden, habe er in Heilbronn überhaupt nicht feststellen können. Er sei mit seinen Rollen in das Haus „richtig reingewachsen – statt in verkrusteten Hierarchien sich einen Platz zu erobern. Seine Lieblingsrolle: Werther. Das erfolgreiche und vielgelobte Einpersonenstück in den Kammerspielen war eine „Herausforderung“ für ihn – „die Rolle liebe ich, an der arbeite ich mich immer wieder aufs Neue Abend für Abend ab“.

DER STAR im Stadttheater Heilbronn will Atef Vogel nicht sein. Aber er ist es. Die Kritiken für ihn sind nahezu durchweg freundlich bis jubend. „Atef Vogel spielt den Lebkuchenmann so quirlig und aufgedreht, dass man denkt er sein aus Gummi.“ Und beim Werther lautet das dicke Lob „Goethe trifft Vogel – eine zündende Begegnung“ – und danach wird klargestellt: „Atef Vogel durchmisst dieses Land der emotionalen Extreme sicheren Fußes: 75 Minuten höchste Anspannung, kraftraubende Körperlichkeit und das Publikum als einzigen Ansprechpartner.“ Zum Beweis, dass er nicht der Star des Theaters sein kann, führt er seine erste größere Rolle in „Making Babies“ an: „Das wurde von Publikum nicht so gut aufgenommen, es war ein Experiment, das ich gut fand – auch daraus konnte ich lernen.“ Ohnehin wünschte er sich bei der Regie oftmals mehr Mut zum Experiment.

SEINE FANS haben Atef Vogel eine Homepage im Internet eingerichtet. Die Gründe: „Weil er ein besonderes schauspielerisches Talent hat; weil keiner so energiegeladen auf der Bühne tollen kann; weil er neben seinen schauspielerischen Qualitäten auch noch verdammt gut singen und tanzen kann.“ Kennt er die jungen Damen, die einen Fanclub für ihn gegründet haben? „Ja“, antwortet er schon ein wenig stolz, „das sind sehr nette und theaterinteressierte Leute“. Die Berührungsängste zwischen Publikum und neuem Ensemble, die waren für Vogel „von beiden Seiten zunächst stark spürbar“. Aber in diesem Verhältnis habe sich viel verändert, ja „verbessert, denn die Leute sind heute offener und begeisterter als am Anfang“. Eltern und Freundin („eine Fernbeziehung“) waren bei all seinen Premieren in Heilbronn dabei; das hat ihn besonders gefreut.

ZUM ENDE dieser Spielzeit, also Ende Juli, verlässt Atef Vogel aus eigenem Entschluss Heilbronn. „Ich bin noch ein Anfänger im Theater“, begründet er seinen Weggang aus der Käthchenstadt bescheiden, „und ich will mich weiterentwickeln, ich brauche neue Herausforderungen – und dazu werde ich frei arbeiten.“ Was und wie und wo, das verrät er noch nicht. Weg aus der Provinz – zurück in die Kulturstadt München? „Das Wort Provinz finde ich immer schwierig, denn das Publikum kann man oft nicht so recht unterscheiden, ob die nun in Heilbronn sind, in den Kammerspielen in München oder im Deutschen Theater in Berlin.“

echo am Sonntag

Stadttheater Heilbronn - Portraits - Benjamin Hille, Schauspieler (2005)

Benjamin Hille ist Schauspieler am Theater Heilbronn

Vom Gottvater zum fiesen Bruder Franz

Von Jürgen Dieter Ueckert

MIT 16 JAHREN sieht Benjamin Hille zum ersten Mal Schillers "Räuber" im Theater - in seiner Heimatstadt Bremen. Jetzt spielt er am Stadttheater Heilbronn eine Hauptrolle in dem Sturm- und Drang-Stück. "Ich glaube, dass Schiller ein toller Autor auch für die heutige Jugend ist", erzählt der Schauspieler des Franz Moor begeistert. Schon 1992 war er von der Räuber-Inszenierung Hans Günther Heymes am Bremer Theater "hin und weg".

DEM WAAGE-MANN Hille ist das Theater quasi in die Wiege gelegt worden. Die Mutter, von Beruf Lehrerin, stark an Literatur interessiert - und der Vater, Deutsch- und Geschichtslehrer am Gymnasium, unterrichtet darüber hinaus auch "Darstellendes Spiel". Von den drei Kindern, eine ältere Schwester und ein viel jüngerer Bruder, hat es aber nur Benjamin bisher zum Theater gezogen. Zunächst als Zuschauer in ganz normale Vorstellungen, kurze Zeit später aber schon als Aktiver in den Jugendclub des Bremer Theaters.

DAS ERSTE THEATERSTÜCK, an das er sich erinnert? "Das Schwein, das nicht dick werden durfte" - ein Stück, das den damals Sechsjährigen ebenso beeindruckte wie später eine Inszenierung seines Vaters von Shakespeares "Sommernachtstraum". Aber Benjamin Hille wollte "unbedingt selber spielen, einfach mitmachen". Seine erste Rolle: Gottvater in einem Krippenspiel.

DIE HUMANISTISCHE Ausbildung am "Alten Gymnasium" in Bremen und das liberale Elternhaus prägen. Er spielt Klavier, komponiert, schreibt Gedichte und andere Texte _ und spielt während seiner Abiturzeit ("trotzdem ein recht gutes Zeugnis") seine erste richtige Hauptrolle, den Mackie Messer in Brechts "Dreigroschenoper". Noch während seines Zivildienstes an einer Behindertenschule spricht er an vier Schauspielschulen vor. Er kommt überall in die Endrunde - und entscheidet sich für die "Hochschule für Musik und Theater Hannover".

IN DER SCHAUSPIELSCHULE wird, was zuvor eruptiv aus Benjamin Hille herausbrach, mit "Persönlichkeitsentwicklung und -förderung" in Bahnen gelenkt: "Lernen herauszufinden, was beim Spielen wichtig ist - und natürlich professionell Sprechen, Singen und sich Bewegen." Mit dem Diplom in der Tasche "guckten wir Absolventen ein wenig ratlos in die Landschaft", hatten die Jungschauspieler aus Hannover doch auch gelernt, dass Staats- und Stadttheater in Deutschland "keine Kulturoasen" mehr sind, sondern in eisigen Winden politischer Realität heftig geschüttelt werden.

NACH DEM DIPLOM (eine Rolle in Rainald Götz' "Jeff Koons", Beurteilung in drei bis vier Vorsprechrollen und eine schriftliche Arbeit) gab es für das Nordlicht das erste Engagement am Pfalztheater Kaiserslautern, einem Dreispartenhaus: "Für den Anfang war das richtig - eine solide, eher konservative Intendanz, unter der man erst mal lernen konnte, wie man sich am Theater bewegt." Benjamin Hille lernt den Betrieb von der Pike auf kennen, spielt Klassiker, zeitgenössische Stücke, macht Life-Hörspiel, Lesungen und Showprogramme. "Aufgeschlossen sind die Menschen", die er in Kaiserslautern kennenlernt. Freundschaften werden geschlossen, die bis heute halten. Gutes Essen und ein Gläschen Wein, das kennzeichnet für ihn außerdem den Menschenschlag in der Pfalz.

BENJAMIN HILLE, der Mann mit den tiefblauen Hans-Albers-Augen, bleibt im Süden Deutschlands - wechselt 2003 ans Theater Heilbronn. Was wusste er von der Stadt am Neckar? "Bis auf den Theaterskandal um Corpus Christi und den Theaterfürsten Klaus Wagner hatte ich noch nicht viel von Heilbronn gehört. Umso mehr gilt es für mich zu entdecken - zum Beispiel auch die wunderschöne sanfte Hügellandschaft.“

AUFREGEND ist für Hille und Kollegen die erste Spielzeit unter der neuen Intendanz von Dr. Martin Roeder-Zerndt. Die Frage, "Wie übernimmt man ein Erbe, bei dem der Vorgänger 23 Jahre ganz patriarchalisch Theater geprägt hat", muss beantwortet werden. Bei den ersten Stücken, wie zum Beispiel "Hysterikon", spürt das neue Ensemble auch Wut beim Publikum. "Wir hatten das Gefühl, einige Leute werfen uns vor, ihr wollt uns doch nur provozieren. Dabei haben wir an den Stücken nur ausprobiert, was uns am Theater interessiert, was uns Spaß macht. Wir mussten natürlich auch herausfinden, was speziell die Heilbronner wollen - mussten unser Publikum erst mal richtig kennenlernen." Mit Goethes "Iphigenie", mit Ibsens "Volksfeind" , "My Fair Lady" und auch Schillers "Räubern" - "mit diesen Inszenierungen haben wir offenbar den Nerv getroffen".

DAS KINO liebt Benjamin Hille - und er liest gern. Der 186-Zentimeter-Mann treibt Sport (Yoga, Fußball, Schwimmen) - aber kommt kaum dazu: "Hier in Heilbronn muss ich noch mehr spielen als in Kaiserslautern." Wenn er Zeit dazu hat, dann isst er leidenschaftlich gern. "Gut Kochen, das ist für mich schon die halbe Miete", erzählt der hagere Jungmime schmunzelnd. Texte lernt er laut sprechend, beim Herumlaufen in seiner Wohnung hoch über Heilbronn (mit Blick zum Wartberg) oder am Neckarufer. Momentan probt er im Musical "Wild Party", eine Revue ein ausschweifendes Fest auf einem New Yorker Wolkenkratzer. Bei den "Nacht(s)chatten-Parties" gibt er mit viel Freude an Tanzmusik den DJ. Außerdem leitet er zusammen mit seinem Kollegen Peter Hausmann den Jugendclub des Theaters. Momentan arbeiten sie mit den Jugendlichen an Texten von Daniil Charms, einem russischen Dadaisten.

DIE "KANAILLE FRANZ" in Schillers "Räuber", landläufig der Fiese, nach Benjamin Hilles Auffassung der "Zu-Kurz-Gekommene" der beiden Brüder Moor, ist momentan die Lieblingsrolle des 28-jährigen: "Sie fordert mich heraus - und macht mir Freude; irrende, verzweifelte, suchende, kämpfende Menschen zu spielen reizt mich - die lieben Jungs sind mir oft zu langweilig."

Infokasten:
Benjamin Hille, geboren am 15. Oktober 1976 in Bremen.
Ausbildung: Abitur, 1996 bis 2000 an der Hochschule für Musik und Theater Hannover, Studiengang Schauspiel.
Engagements: 2000 Kultursommer in Gengenbach, Gast am Staatsschauspiel Hannover; 2000 bis 2003 Pfalztheater Kaiserslautern; seit 2003 Stadttheater Heilbronn.
Vorbild: Für die Bühne nennt Benjamin Hille den schweizer Schauspieler Jean Pierre Cornu, der nach dem Besuch des Max-Reinhardt-Seminars in Wien Mitte der siebziger Jahre unter Intendant Walter Bison im Gewerkschaftshaus seine ersten Rollen spielte. Danach war er in Tübingen, Bremen und Wien engagiert. Heute ist Cornu Ensemblemitglied am Züricher Schauspielhaus.

echo am Sonntag
10. März 2005

Stadttheater Heilbronn - Kilianpreis für Yvonne Ruprecht (2000)

William steht ganz oben auf der Liste

Von Jürgen Dieter Ueckert

Jung ist sie - verdammt jung. Ich hatte sie fast zehn Jahre jünger eingeschätzt als sie in Wirklichkeit ist. Und ich hab es ihr ins Gesicht gesagt. Und sie hat sich gefreut. Man sage ihr das öfter. Und dann erzählt sie mir die Geschichte vom Sekt, den sie im Supermarkt schlicht auf das Laufband stellt - und die Kassiererin will ihren Ausweis sehen. So strafen die Götter jene, die sie mit einem begnadeten Aussehen gesegnet haben. Nein - ich muss sagen: so necken sie Yvonne Ruprecht.

Beschenkt hatten sie die kleine Yvonne mit jungen, liebevollen Eltern und einer glücklichen Kindheit. Mit einem Geburtsort, der ihr Theaterluft mit dem ersten Atemzug verschaffte. Wer in Meiningen geboren ist, naja, mehr brauche ich wohl nicht zu sagen. Und wer dazu noch in Ilmenau aufgewachsen ist, wo man einen Duft von Literaturluft hinzubekommt, der darf sich überhaupt nicht beklagen.

Aber in die Wiege gesungen wurde ihr die Schauspielerei nicht. Sport, Tiere, Malen - und sich einfach in der Landschaft herumtreiben, so dass andere Kinder nicht mit ihr spielen durften, darin bestand ihre Hauptbeschäftigung als Mädchen. Die Welt als Abenteuerspielplatz. Warum diese Diskriminierung? Der Kontakt mit ihr brachte schmutzige Kleidung mit sich. Saubere Kleidung, nicht sauberes Denken, war in der DDR bekanntlich oberstes Staatsziel. Deshalb sollten andere Kinder nicht mit Yvonne spielen.

Mit 14 kam diese kleine Wilde folgerichtig ins Internat nach Schleusingen, in ein ehemaliges Franziskanerkloster. Lieblingsfächer: Sprachen. Französisch, Englisch, Russisch - in dieser Reihenfolge. Und als sie 1992 das Abitur in der Tasche hatte, wurde kurz entschlossen in Erfurt studiert: Germanistik, Kunst und Französisch.

Jetzt werden Sie fragen: Da war doch noch was? Hab ich auch. - Erlebt hat sie die sogenannte „Wende“ in einem Trabbi, der auf der Landstraße liegenblieb. Ein Abschleppwagen wurde gerufen. In dem war ein Autoradio installiert. Aus diesem bekam Yvonne Ruprecht mit, dass dem real existierenden Sozialismus das letzte Glöcklein geschlagen hatte - wie ihrem Trabbi. Ihr Kommentar dazu: „Das eigene Auto ist kaputt, wird auf ein größeres aufgeladen - und so wird man nach Hause gefahren.“

Pars pro toto: DDR perdu - ihr Zuhause ist jetzt Deutschland. Das war schon eine Überraschung für eine, die irgendwo und - wie ganz glücklich und froh war - in diesem Musterstaat. - Sind wir alle froh und glücklich, dass das sozialistische Experiment gescheitert ist, sonst säße Yvonne Ruprecht heute nicht hier.

Da war aber noch was. Die junge Frau hatte schnell gemerkt, nachdem der Traumberuf Tierärztin sich ins Wolkenkuckucksheim verflüchtigt hatte, dass sich ihr Interesse stark auf Kunst und Literatur zubewegt. Wie beim Spielen, war sie hier auch gleich mitten drin. Bilder, Skulpturen wurden angefertigt - sie hatte Ausstellungen. Vorbilder waren Picasso, Edward Hopper, die Surrealisten. In der Literatur Tom Robbins, Ernest Hemingway - und Friedrich Schiller.

Als Stadtführerin in Weimar, wo denn sonst, wenn man in Meiningen geboren ist, wollte sie den Literatur-Touris immer wieder den schwäbischen Olympier näher bringen. Aber die hatten nur Goethe im Sinn. Noch heute sind ihr Seufzer bei diesem Thema zu entlocken. Die „Johanna von Orleans“ würde sie gerne mal spielen. Als ich dann zart mein Lieblingsstück des Schwaben „Kabale und Liebe“ ins Gespräch werfe, kommt prompt: „Die Luise hab ich in Heilbronn vorgesprochen“.

Ach ja - und dann gab es da noch einen Liebling, wie könnte es bei Schauspielern anders sein: William Shakespeare. Der steht ganz oben auf der Liste bei Yvonne Ruprecht.Apropos Weimar. In Weimar hat sie gewohnt als sie in Erfurt studierte. Und später, als sie in Weimar am Theater spielte, hat sie in Erfurt gewohnt. Und schuld an der Schauspielerei, diesem brotlosen Gewerbe, ist Al Pacino. Irgendwann nachts las sie in irgendeiner Hochglanzzeitschrift einen Bericht über diesen amerikanischen Schauspieler. Da sagte sie sich ganz plötzlich, über Nacht, was der da erzählt und macht, das will ich auch. Endlich hatte sie ein Ventil für ihre überschäumende Kraft.

Ganz bürgerlich wieder: Es folgte eine Bewerbung an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig, zunächst einige Regiehospitanzen, dann die Aufnahmeprüfung im September 1993. Zwei Wochen später schon wurde gefochten, Akrobatik betrieben, Sprecherziehung, Szenen einstudiert - eben alles, was eine Schauspielschülerin an Tagesarbeit so zu absolvieren hat. Schon als Studentin war sie in Weimar engagiert. Und im Juli 1997 wurde mit „Viel Lärm um nichts“ abgeschlossen. Dabei war sie schon für Heilbronn von Klaus Wagner engagiert, pendelte ab Mai zwischen Weimar und dem Käthchenstädtchen, um zu proben.

Und jetzt das - der Kilianpreis. Für die Bianca in Avery Hopwoods „Der Mustergatte“. - „Sie lebt es voll aus, das Schwanken zwischen Sein und Sein-wollen - zwischen Hausfrauchen und laszivem Luder“, habe ich lesen dürfen. In einem anderen Blatt stand: „Ebenso hübsch wie naiv und kurzsichtig ist Yvonne Ruprecht als Bianca“. Na, sowas auch. Und in einer weiteren Gazette las ich nach einer Hymne über Thomas Braus: „Ihm kaum nach steht Yvonne Ruprecht als seine Partnerin beim fiktiven Seitensprung, die vor allem in den Szenen der Trunkenheit mit Braus zusammen die Akzente setzt, ganz anders als der agile Braus eher dezent und doch um so wirkungsvoller."

Eine Zeit lang habe sie keine Kritiken gelesen, sagte sie mir. Man arbeitet sechs Wochen hart, man arbeitet allein, mit der Truppe, dem Regisseur - und dann kommt einer und stampft dich mit einem Satz in Grund und Boden. Eben, Frau Ruprecht: So ungerecht ist die Welt, nicht nur im Theaterleben. Aber jetzt liest sie doch wieder. Und lässt sich dadurch ihren Spaß an der Arbeit nicht kaputtmachen.

Dabei waren die kritischen Aussagen über sie im Mustergatten wirklich tadellos. Übrigens - mit dem Autor hat sie auch was gemein. Der arme Kerl ertrank bekanntlich im Vollrausch 1928 an der französischen Riviera. Sie saß erst vor einiger Zeit im Urlaub an diesem Strand - nüchtern. Las Hemingways „Der alte Mann und das Meer“. Teilweise mit Kerzenlicht.

Aber das hat gar nichts mit der Rolle der Bianca zu tun und der Heilbronner Inszenierung. Dieser Frau in den 50-ern, die ist so um die 30. Bei Kriegsende war sie vielleicht 20 oder jünger. Eine Frau, die Bombennächte hinter sich hat, vielleicht auch eine Vergewaltigung, die Verwandte, Freunde und Bekannte sterben sah, das Flüchlingselend jetzt vor Augen, sieht Häuser in Trümmern noch an allen Straßenecken - und will leben in dem sich abzeichnenden Wohlstand.

Ein wenig Glück und Frieden - das sind die kleinen Sehnsüchte in dieser Zeit. Schlager und Film bedienen diese Wünsche auch prächtig. Konflikte, die werden recht nüchtern bewältigt, fast unterkühlt - zielgerichtet, ohne jegliche Psychoanalyse. Stoff für eine Boulevardkomödie? Ja - weil der Mensch in der Komödie immer auf Messers Schneide tanzt. Der Trick des Autors: Er lässt seine Figuren nicht herunterfallen. Aber er läßt sie zur Freude des Publikums leiden, Staub sollen sie fressen - und mit Lust. Zum Schluss löst sich alles in Wohlgefallen auf.

Auch das ein Teil des Lebens von Yvonne Ruprecht? Die Rolle fiel ihr gar nicht so schwer, gestand sie mir. Das sagt eine, die es liebt, dort zu sein, wo das Leben pulsiert, in Paris , ihrer Lieblingsstadt - oder in London. Städte, deren Sprachen sie mit Inbrunst einst gelernt hatte - im Bewußtsein, das Erlernte in ihrem Leben weder in Paris noch in London jemals anwenden zu können. Aber da kam ja zum Glück der kaputte Trabbi dazwischen.

Das sagt eine, die aber auch stundenlang am Meer sitzen kann, weil das Rauschen alles Überflüssige im Kopf wegspült. Yvonne Ruprecht liebt das Theater, die Unmittelbarkeit zum Publikum, den Dialog zwischen sprechenden Schauspielern und stummen Zuhörern, dessen Spannung im Lachen und Applaus sich entlädt. Und wenn der Vorhang gefallen ist, dann ist alles vorbei, man kann nichts mehr zurückholen. Ganz anders als bei der Bildhauerei und beim Malen. Das Theater: Viel vergänglicher - und damit lebendiger.

Danke - Yvonne Ruprecht, und weiterhin Erfolg, Glück, Liebe und Überraschungen.

Heilbronn ist nicht Weimar. Aber Marbach ist ja nicht weit.

Stadttheater Heilbronn
am 16. Juli 2000
Theater-Verein Heilbronn e.V.

Stadttheater Heilbronn - Kilianpreis für Wolfram Ehrenfried (1999)

Die Rede für den Schauspieler "Wamsedoll"

Von Jürgen Dieter Ueckert

Kennen Sie das? Da betritt einer die Bühne - unscheinbar, nicht größer als 150 - aber seine Stimme: wie Charles Bronson in Cinemascope.Das Gegenteil dazu: ein Mann wie ein Bär, 1,98 Meter, Kinder würden sagen „der Riese Wamsedoll“ - und eine Stimme: rund, wohlgefällig, einnehmend, angenehm. Wolfram Ehrenfried stört seine wuchtige Erscheinung nicht - er will sie nur konsequent spielen.

Im Fernsehen sah man ihn schon als Bodyguard, Drogendealer, Türsteher. So wird das Klischee bedient. In Heilbronn und auf Tournee spielte er im Nathan den Tempelherrn. Intendant Klaus Wagner war sein Nathan. Wer die Inszenierung kennt, weiß, daß Wagner das Stück über die Toleranz mit sparsamen Mitteln, sehr direkt auf den Punkt gebracht hatte. Die Heilbronner Gesellenprüfung für Wolfram Ehrenfried.

Beeindruckt hat Wolfram Ehrenfried die Isreal-Reise des Theaters mit gerade diesem Stück. Deutsche erzählen mit Theater den Juden und Palästinensern eine Geschichte über Toleranz zwischen Christen, Juden und Moslems. Ein sehr gewagtes Unterfangen.Trotzdem: Für Ehrenfried war das Vorhaben eine „phantastische Idee“ - und die Ausführung eine „wunderbare Sache“. Das mag lapidar klingen - aber er hat recht: Nur mit Phantasie und den Glauben an Wunder kann das Grauen aus Vergangenheit und Gegenwart überwunden werden. Wie denn sonst!?

Aus Winterbach bei Schorndorf kommt er, der Waldorfschüler. Nahe dem schwäbischen Kernland des Pietismus. Da sind Wunder nie allzufern. Der einst strikte Autogegner, Schulschauspieler, Zivildienstleistende - er geht nach dem Abitur lange mit dem Wunsch schwanger, Schauspieler zu werden. „Aber ich war noch nicht soweit“ ­ sagt er heute.

Übrigens: den Führerschein hat der vehemente Autogegner zwischenzeitlich hier in Heilbronn gemacht, im Zwei-Wochen-Schnellkurs. Und eine Zeit lang besaß er sogar zwei Autos. Nebenberuflich ist er dazu noch als Inhaber einer Firma für Telekommunikation tätig. Nun kann man sagen: typisch schwäbisch. Man kann aber auch sagen: Der Mann achtet auf finanzielle Unabhängigkeit.

Denn Theater ist sein Herzblut. Und dafür braucht es Freiräume, um als Schauspieler anpacken zu können, was man liebt. Verstand und Herz leben bei ihm äußerst solidarisch aufeinander abgestimmt.

Im Herbst 1989, dem Jahr des Umbruchs in Deutschland, Aufnahmeprüfung an der Berliner Schule für Bühnenkunst. Es hält Wolfram Ehrenfried dort nur fünf Monate. An der Hochschule für Musik und Theater in Hannover bleibt er länger. Im Juli 1994 legt er sein schriftliches Diplom ab, das praktische folgt in Hamburg in der Regieklasse von Jürgen Flimm.

Danach hat er Angebote - und schlägt sie aus.Der Schauspieler Wolfram Ehrenfried fühlt sich für seinen erlernten Beruf noch nicht reif genug. Kopfschütteln bei den Kollegen. Als Musiker und Chorleiter jobt er dann, ist ein Jahr lang künstlerischer Berater der Stadthalle Heidelberg, arbeitet als Discjockey - und liebt diese Tätigkeit heiß und innig, übrigens heute noch.

Aber was will er? Er will seine Persönlichkeit entwickeln, lernen sich abgrenzen, um frei zu sein. Eine Notwendigkeit im Theaterbetrieb, wo Emotionen ein Teil des Handwerks sind. Selbstachtung und Selbstvertrauen will Ehrenfried erlangen, die Voraussetzung, um andere zu achten. Darüber verfügt er offenbar, als er nach Heilbronn kommt - und im Dezember 1997 zum Beispiel 56 Vorstellungen spielt. „Ich bin hier zur Ruhe gekommen,“ lautet sein Kommentar - damals. Das war zu jener Zeit, als er noch täglich 30 Kilometer zwischen seinem Wohnort Talheim und der Heilbronner Arbeitsstätte mit dem Fahrrad herunterreißt.

Ein anderer Ehrenfried-Satz: „Nicht Ehrgeiz, sondern Hingabe, so definiere ich mich im Beruf. Keinen beruflichen Schritt, ohne zwei persönliche dazu zu tun.“ Als er in „Mäusen und Menschen“ als Lennie sich auf der Heilbronner Bühne zeigt, da macht er diese Selbsteinschätzung sicht- und hörbar. Selten kommt es im Theater vor, daß Kritik und Publikum , aber auch der Theaterapparat (und der ist ja noch oft viel kritischer) einhellig zur Ansicht gelangen: diese Inszenierung ist eine Sternstunde am Heilbronner Theaterhimmel.

Wolfram Ehrenfried weiß schon vor der Premiere: das wird ein Hammer. Aber es wurde mehr - für ihn. Deshalb zitiere ich jetzt einen Kollegen: „Als wäre er direkt aus dem Roman entsprungen steht Wolfram Ehrenfried da, rund zwei Meter groß, die Hände wie Bratpfannen. Solch ideale Körpermaße sind freilich beeindruckend, wirklich ergreifend ist aber sein Spiel: Wie dieser große Kerl gepackt wird von seinen Emotionen, von kindlicher Freude, von niederdrückender Furcht und einmal auch von unbändiger Wut, das ist Schauspielkunst der feinsten Art. Wäre es ein Spielfilm, müßte Wolfram Ehrenfried am 21. März den Oskar bekommen.“ - Den hat er nicht bekommen.

Dafür diesen Kritiker-Oscar. Den Heilbronner Oscar für die beste Leistung in einer männlichen Hauptrolle, den Kilianpreis, den bekommt er heute.Und noch eine Anmerkung: Bei der Götz-Premierenfeier in Jagsthausen, sagte mir Alexander Kerst: Der beste auf der Bühne war der Lerse. Und den spielt bekanntlich Wolfram Ehrenfried bei den Burgfestspielen. Noch nen Oscar.

Ich wollte von Wolfram Ehrenfried wissen, wie das so ist, wenn er auf die Bühne geht: „Ich bin ich ganz leer“, antwortete er. „Und dann erzähle ich eine Geschichte. Wie ich sie erzähle, das wurde wohlüberlegt, genau und mühselig während der Proben erarbeitet. Auf der Bühne zeige ich nur noch, was ich von dieser Arbeit verinnerlicht habe. Das versuche ich dann den Zuschauern zu schenken. Mehr nicht. Und wenn ich damit in den Herzen der Zuschauer ankomme, und dahin will ich, dann habe ich mein Ziel erreicht.“

Ich kann abschließend nur feststellen: Stehende Ovationen, lieber Wolfram Ehrenfried, waren die Rückmeldungen vom Publikum: Sie sind mit dem Lennie in den Herzen ihrer Zuschauer angekommen.

Im Theaterverein Heilbronn
am 18. Juli 1999
in den Kammerspielen
des Stadttheaters Heilbronn

Stadttheater Heilbronn - Kilianpreis für Viola von Lewinski (1995)

Laudatio auf  Viola von Lewinski


Voll von Lobpreisungen
                                                                 
Von Jürgen Dieter Ueckert


Den klassischen Frauenkonflikt schlechthin brachte das Heilbronner Stadttheater als deutschsprachige Erstaufführung auf die Bühne - war über das Schauspiel des britischen Jungdramatikers Jim Cartwright „Große  kleine Stimme“ zu lesen. Der klassische Frauenkonflikt, so ließ ich mich als Mann belehren, das ist nicht die Pubertät, die erste Liebe, der erste richtige Mann, das erste Kind, sondern der Mutter-Tochter-Konflikt. Obwohl der ja in der gängigen Theaterlitertaur und Belletristik nur am Rande vorkommt. So lernt man eben immer wieder hinzu.

In Heilbronn hatte der Regisseur Paul Burian das Stück zwischen Gesellschaftssatire, Milieustudie und menschlicher Tragödie angesiedelt. Sagten die einen. Dann war wieder zu hören, die märchenhafte Komödie sei mit einer gehörigen Portion schwarzem Humor gewürzt worden. Paul Burian ist es gelungen, einen Konflikt auf die Bühne zu bringen, der auf Grundstrukturen familiären und zwischenmenschlichen Agierens zurückzuführen ist. Die Figuren in einem Schaulauf durch die Höhen und Tiefen menschlicher Existenz, seien teilweise grotesk überzeichnet worden, ohne sie zu denunzieren. Der Regisseur Burian zeige fatale Fluchtstrategien: Aufstieg und Fall von Little Voice - der „Großen, kleinen Stimme“. Oder allgemein gesagt: Werden und Vergehen, Blühen und Absterben, Krieg und Frieden, Sieg und Niederlage. Wie schön. Wie alltäglich.

Aber in diesem Stück geht es nicht um Steffi Graf oder den Schwimmstar Franziska van Almsick, sondern um ein junges menschenscheues Wesen, das die Gabe besitzt die Stimmen seiner Vorbilder Judy Garland, Edith Piaf, Marilyn Monroe und Shirley Bessey perfekt zu imitieren. Und wie es üblich ist in unserem allzumenschlichen, trivialen Leben, wittert da einer sein Geschäft. Und das scheitert, weil Little Voice nur in ihrer klitzekleinen Traumwelt zurechtkommt, in der sie die vom Vater ererbten Lieblingsplatten hört. Zum Verdruß der Mutter - und da haben wir ihn den Mutter-Tochter-Konflikt.

Die Preisträgerin des vergangenen Jahres in dieser Sparte Ingrid Richter-Wendel spielte diese Mutter - versoffen, sprunghaft-unberechenbar als vulgäre Schlampe mit dem Drang  zu Höherem. Sie erscheint als die tragische Gestalt des Stückes - schrieb Theophil Hammer. Nüchtern dagegen umreißt Claudia Ihlefeld diese Frau, die da auf ihrem glutroten Bett lauert wie eine hungrige Wölfin, in ihrer rasenden Sucht nach Männern, Alkohol und Anerkennung. Eine personifizierte akute Absturzgefahr. Was übrigens für alle in Jim Cartwrights Gruselkabinett gilt. Anmerkung: Es ist ein alter Lehrsatz der Ästhetik, daß das Abschreckende nicht abschreckend dargestellt werden darf. Im zeitgenössischen Theater kaum beherzigt.

Dessen ungeachtet: Realitäten des menschlichen Lebens auf die Bühne bringen - wollte der Regisseur Paul Burian. Nicht den Schauspielern einfach seine Ideen überstülpen, nicht die Peitsche schwingen. ‚Mich interessiert, was Menschen anbieten - und was ich aus ihnen herauslocken kann‘. Ließ er bei den Proben verlauten. Und das Resultat? Zu isoliert bleiben die handelnden Personen. Ihre Charaktere durchlaufen keine Entwicklung. Samt und sonders handelt es sich um deformierte Gestalten, die zu sinnvoller Kommunikation oder zur Problemlösung nicht fähig sind, weil sie mit sich selbst genug zu tun haben. Das Stück hinterläßt beim Betrachter keine tieferen Spuren. Schrieb die Stuttgarter Zeitung. Und die Heilbronner Stimme: Das Stück wurde beim Premierenpublikum im Großen Haus begeistert aufgenommen. Bei diesen Unterschieden macht Zeitunglesen wieder Spaß.

„Die Vokale kostet sie auf ihrer Zunge wie schweren, dunklen Wein. Ihre Augen scheinen Dinge zu sehen, die kein Mensch vor ihr je sah. Ihre Bewegungen rutschen graziös ins Trancehafte. Sie schreitet hellwach an der Grenze zum Wahnsinn entlang, macht mal einen Schritt hinüber, dann wieder einen Sprung herüber. Ihre Figuren kommen aus dem Reich, in dem sich Körper in Gespenster auflösen, blitzgescheit und komisch.“ - Sowas liest man gern. Aber es ist keine Beschreibung der Preisträgerin für die beste weibliche Hauptrolle, für Viola von Lewinski.

Und noch ein Zitat - wenn ich schon dabei bin: „Sie scheint ihre Figuren mit den Schultern, die sie kullern und kugeln lassen kann, vor sich herzuschieben. Läßt die Augen rollen, die Sprache in lauter stimmhafte „S“ sich ironisch aussingen, nudelt und schnauft über Abgründe hinweg. Sie kann, wenn das Herz spricht, zu einem Hohnklumpen eingefrieren. Und sie kann, wenn Blut fließt und Mord grassiert, so sachlich-fröhlich sein wie bei einem Kaffeekränzchen - nur: daß man hinterm Klumpen das Herz auch spürt und hinterm Lächeln den Schrecken schmeckt.“ - Da hat einer die Worte im Hirn abgeschmeckt. Eine schöne Beschreibung. Aber mit unserer Preisträgerin und ihrer Preisrolle hat das wieder nichts zu tun. Auch wenn ich Ähnliches gern über sie gelesen hätte. Was nicht ist, kann ja noch werden.

Sie werden sich jetzt fragen: Was wurde über sie denn gesagt?  Heilbronner Stimme: „Die schüchterne Little Voice (Viola von Lewinski) lebt zurückgezogen in ihrer Kunstwelt voller Schallplatten großer Sängerinnen und Stars. Die gnadenlose Abrechnung von Little Voice mit der Mutter - schrill und etwas hektisch versucht Viola von Lewinski hier Spannung zu lösen.“ Und die Stuttgarter Zeitung:  „ ...in sich zurückgezogen: Viola von Lewinski.“ Das wars - nicht eben viele Worte von der Kritik im September 1994. Aber Sie, die Mitglieder des Theater-Vereins haben demokratisch entschieden. Viola von Lewinski erhält für die beste weibliche Hauptrolle den Kilianpreis 1995. Und damit haben Sie Gescmack und Qualität bewiesen.

Denn Sie kennen diese 158 Zentimeter große junge Dame, die zwischen 25 und 30 Jahre alt sein dürfte. Ihr Alter will sie ja nicht verraten - da sei sie furchtbar eitel. Sie, die regelmäßigen Theaterbesucher haben Viola von Lewinski als Virginia in Canterville, als Karoline in  „Kasimir und Karoline“, als Recha im Nathan, als Mädchen im „Der Weg zum Bahnhof“, als Sozialarbeiterin in „Hungrige Herzen“, als Kristin in „Fäulein Julie“, als Mitzi in „Der Drang“, als Angel City Four in „City of Angels“ oder als Little Voice in „Große kleine Stimme“ gesehen, bewundert, lieben gelernt.

Geliebt hat Viola von Lewinski, so sagte sie als sie in Heilbronn eintraf, die Rolle der Lena in einer Bremer Studentenproduktion von Büchners „Leonce und Lena“. Sie schätze mehr das modernistische Theater, das nicht so direkt eins zu eins genommen werde. Sie liebt die Verbindung avantgardistischer Musik mit Sprache. Und fast ebenso wichtig wie die Arbeit unter Hansgünther Heyme in Bremen ist ihr, der Absolventin der Berliner Hochschule der Bildenden Künste, das Spiel in unabhängigen Produktionen gewesen. Hohe Ansprüche einer energiegeladenen Schauspielerin.

Aber bekannt ist ja auch, daß das Gewerbe der Schauspieler changiert  - zwischen Betrug und Gottesdienst, Hochstapelei und höherer Bedeutung. Die Frage ist, in welcher Gesellschaft das Gewerbe ausgeübt wird. Die deutschen Schauspieler, so sagte ein George Tabori in einem Interview, tun alles. Sie machen Sachen, die kein englischer oder amerikanischer Schauspieler machen würde. Wenn man einem amerikanischen Schauspieler sagt: ‚Hier sollst Du weinen und wütend sein‘. Dann gibt er zurück: ‚Jetzt gleich? Du spinnst wohl.‘ Tabori meint damit: in Amerika sei das Theater ganz anders. Dort sind die Schauspieler die Hauptsache, bei uns ist es der Regisseur. In Deutschland gibt es noch ganz stark die Tradition des Hoftheaters, die Hierarchie vom Intendanten bis hinunter zum Anfänger. Außerdem sind Ordnung und Disziplin primäre Tugenden, im Gegensatz zu Freiheit und Anarchie wie in England und Amerika.
Faszinierend - diese Allgemeinplätze.

Aber dafür, daß der deutsche Schauspieler sich darauf hat trainieren lassen, von Regisseuren gebrochen und gebogen zu werden, hält er sich dann als Leidender schadlos. Er macht aus seinem Masochismus einen Anspruch. Zunächst einen Anspruch an sich selbst. Er wird, bevor noch der Regisseur an ihn herantritt, sofort bei sich selber Regie führen, die Figur, die er spielen soll, abfragen, welchen Sinn, welche Interpretation er ihr unterlegen soll. Der deutsche Schauspieler greift gerne zum passenden psychologischen Kästchen, in das er die Figur und sein Spiel preßt. Er sucht nicht nach dem Leben, das er darstellen soll, er greift nach dem Papier, in das er das Leben einwickeln kann.

Und daraus folgt: Viele deutsche Schauspieler haben Zeitungsausschnitte in der Tasche, die sie zücken wie Beweise. Übrigens nicht nur Schauspieler - auch Politiker. Aus diesen Papierfetzen ist ersichtlich, daß er oder sie ein wunderbarer Schauspieler ist. Er, der Herr der Kästchen, ist süchtig nach Kästchen-Worten, Schubladen-Phrasen und Etiketten. Faule Kritiker sind seine Komplizen. Ein einziges „wunderbar“ oder „genial“ hilft über Jahrzehnte der Demütigung hinweg und berechtigt ihn nach den Sternen zu greifen. Und in mancher Kritik wird auch stehen, er habe die Sternenrolle geschultert. Oder es steht da, er sei unter ihr „zusammengebrochen“. Deutsche Schauspieler spielen viele Rollen, aber in allen Rollen meist die eine: die Rolle des Atlas, der die Welt trägt und erträgt..

Dabei sind sie doch nichts als Fleischmacher - und die Goldfinger des Theaters. Der Schauspieler macht aus dem fremden Wort sein Fleisch und verwandelt den oftmals privaten Mist des Autors in öffentliches Gold. Beides sind heilige Vorgänge - ist hochsensible und eitel-brutale Verwandlungsmystik. In jedem Schauspieler  - so hoffe ich doch - steckt auch etwas von einem Priester und vom ziegenbeinigen Zaubergott Dionysos. Ist Viola von Lewinski diese Fleischwerdung  von Papier, diese Verwandeln von privatem Mist in öffentliches Gold ein wenig gelungen? Ja, meine ich - und Sie, die Jury haben das bestätigt.

Es gibt in den „Besuchern“ von Botho Strauß einen Jungmimen namens Max, der die Bühne leerspielen, sich wenigsten für zwei, drei Sekunden neben der Wahrscheinlichkeit aufhalten will. Er möchte dem Publikum etwas Wunderbares, Unerhörtes, Grenzüberschreitendes zeigen. Und lapidar vernichtet im gleichen Stück der große, brillante Karl Joseph mit einer behaglichen Philippika dieses Ansinnen: „Nicht wahr, die Bühne, das Theater. Das waren schon tausend Taten, tausend mehr oder weniger lebensentscheidende Handlungen. Und am Ende hat sich nichts getan. Man hat telefoniert, geliebt und sich verwechselt. Man ist gerannt und hat gewartet. man hat sich versteckt und sich aufgeplustert. Man hat sein Herz verloren, bekam den Schädel gespalten und hat mit verdrehter Zunge gesprochen. Man war der eitle Verführer und der dumme August. Und am Ende? Am Ende ist die Bühne gerade so leer wie am Anfang.“ Ende der Vernichtung. Heute ist diese Bühne voll - voller prämierter Theaterleute. Und voll von Lobpreisungen. Dazu haben wir ja auch allen Grund.

Theater-Verein Heilbronn e.V.
Stadttheater Heilbronn
am 9. Juli 1995




Stadttheater Heilbronn - 65 Jahre alt - Geburtstagsgruß an Klaus Wagner (1995)

Für den Intendanten am Heilbronner Stadttheater - Zum 65. Geburtstag

Klaus Wagner beim Freilichttheater -
Feuchtwangen und die Folgen

Von Jürgen Dieter Ueckert

Noch ein paar wenige Wochen - dann sind es genau 16 Jahre, die ich Klaus Wagner kenne. Damals war er ein wenig älter als ich heute. Er hatte viel vor sich. Dennoch schien er mir beim ersten Kennenlernen ganz und gar nicht zuversichtlich.

Wie seit Jahrzehnten schon in diesem Landstrich der Schwaben und Franken beginnt Ende des Frühlings die Saison der Freilichttheater. An irgendeinem dieser vielen Premierentage war ich in Feuchtwangen, um über die Eröffnung der Festspiele mit einer Shakespeare-Komödie für den Südfunk zu berichten. Heinz Kipfer, einst schweizerisch-jugendlicher Held in der ausgehenden Bison-Aera, war damals in Krefeld engagiert. Und der Krefelder Intendant - wie es der Zufall so wollte - war auch Freiluft-Intendant in Feuchtwangen. Klaus Wagner, ein mir damals völlig Unbekannter, inszenierte bei den Kreuzgangspielen 1979 das Märchen.Bei der Eröffnungs- und Premierenfeier stellte mir Heinz Kipfer einen der drei Kandidaten für die letzte Intendanten-Wahlrunde in Heilbronn, eben diesen Klaus Wagner vor.

49 Bewerber hatten sich als Bison-Nachfolger in Heilbronn beworben. Eine Findungskommission suchte unter der Vielzahl fünf Bewerber aus und präsentierte diese dem Verwaltungsausschuß. Und der hatte drei davon erkoren, aus denen der Heilbronner Gemeinderat am 28. Juni 1979 einen zum Intendanten wählen sollte.

Alf André, der Intendant der Badischen Landesbühne in Bruchsal, war der Mann für die Sozialdemokraten. Karl-Heinz Büchi, freier Regisseur aus Baden-Baden, in Heilbronn als Schauspieler und Regisseur wohlbekannt, von Teilen der CDU und FDP unterstützt, hatte sich durch schiefe Angaben in seinem Lebenslauf im Vorfeld schon disqualifiziert. Und dann gab es da noch den dritten, wie Herbert Wehner sagen würde, das „freischwebende Arschloch“ oder in freundlichem Deutsch die „parteiungebundene Alternative“: Klaus Wagner, Regisseur aus Eckenroth.

Für mich war schon in Feuchtwangen klar: Klaus Wagner ist der neue Intendant des Heilbronner Stadttheaters. Warum ? Die bürgerliche Mehrheit im Heilbronner Gemeinderat würde niemals einen Kandidaten der SPD wählen. Als ich an jenem Abend in Feuchtwangen Klaus Wagner zum ersten Mal die Hand schüttelte, da sagte ich ihm frohgemut, daß er der neue Intendant von Heilbronn sei. Er schaute mich ungläubig an, lachte verlegen, wiegelte ab - was sollte er auch anderes tun. Die Wahl war noch nicht gelaufen. Und da kommt so ein seltsamer Mensch aus dem Provinznest Heilbronn daher und verkündet ihm seltsame Botschaften - als sei er ein Bruder jener Dame aus Delphi.

Am Tag der Wahl bestätigte sich meine kühne Voraussage. Zum Erstaunen der meisten Gemeinderäte wurde im ersten Wahlgang mit 22 von 39 Stimmen der 49 jährige Klaus Wagner gewählt. Seine Vorstellungsrede überzeugte. Ohne Zettelwirtschaft wurde temperamentvoll ein fundiertes Konzept vorgetragen.

Mein erstes Interview - gleich nach der Wahl - war von bemerkenswerten Wagner-Sätzen geprägt. Ich hatte Klaus Wagner unter anderem mit einem Satz eines in Süddeutschland damals bekannten und gefürchteten Kritikers konfrontiert, der vor der Heilbronner Intendantenwahl schrieb, daß jeder der drei Bewerber als neuer Stadttheater-Intendant nicht in der Lage sei, neue Zuschauerströme nach Heilbronn zu bringen, denn der Gewählte wolle sich in Heilbronn nur festsetzen - aufs Altenteil. Klaus Wagner antwortete diplomatisch: „Ich kenne den Herrn nicht, aber er kennt mich bestimmt auch nicht.“

Klaus Wagner, der expressive Kandidat - der war damals auch ein Mann mit stiller Sehnsucht. - „Nun bin ich seit 22 Jahren ein Regisseur, der fünf, sechs Wochen in einer Stadt ist, eine Produktion macht. Deshalb habe ich eine Breite an Möglichkeiten, wie man es sich nur wünschen könnte - nicht an Fähigkeit. Ich habe in dieser Spielzeit 1978/79 von einem Volksstück, über ein Musical, über eine literarische Komödie, über einen Klassiker nun auch noch ein Kinderstück inszeniert. Bisher habe ich immer gesagt, ich habe drei Wohnzimmer: das eine ist das Auto, das zweite ist das Café am Nachmittag und das dritte ist die Wirtschaft am Abend, in der man sitzt. Dies wird anders werden. Ich freue mich darauf, daß es anders wird. Nicht weil ich nun seßhaft bin und Unbehagen von mir tue. Ich werde das meine dazu tun - über Disziplin, über das Wissen um Aufgaben.“

Ein Stadtrat aus den Reihen der CDU hatte mir nach der Wahl im Heilbronner Rathaus spöttisch dargelegt: „Die SPD hat in Heilbronn den Theaterbau durchgedrückt, wir haben ihnen den Intendanten dazu gewählt.“ - Die diplomatische Reaktion des frischgewählten Intendanten Klaus Wagner: „Ich werde versuchen, für die SPD genauso ein Intendant zu sein wie für die CDU. Das Vertrauen ehrt mich.“Und das Programm des neuen Intendanten? - „Ich meine, heute ist es eine Chance zu sagen, ein Theater ist zu nichts anderem gut und hat zu nichts anderem gut zu sein, als die Sache zu präsentieren. Ich finde es natürlich eine gute Aufgabenstellung, sagen zu können: wir sind nicht gebunden, an nichts.

“Widersprüche! Ein Mann, der für CDU, SPD, FDP und andere Parteien gleichermaßen Intendant sein will, aber ohne Bindungen - gibt es den? Nein. Klaus Wagner wurde gebunden und gefesselt. Er merkte es, er verspürte es - und die Seile schnitten mit der Zeit Wunden in sein Fleisch. Jedermanns Lieblings, ist jedermanns Dackel - heißt es im Schwäbischen. Klaus Wagner war und ist nicht jedermanns Liebling.

Aber Klaus Wagner war damals erst gewählter Intendant - noch kein amtierender. Das Heilbronner Theater rückte durch die Wahl ins Blickfeld der breiten Öffentlichkeit in Baden Württemberg. Mit der kleinen Provinzbühne im letzten Spieljahr der Aera Walter Bison ging es steil bergab. Auf dem baden-württembergischen Theatertreffen in Karlsruhe wurde das Heilbronner Theater schlicht zu einem „Fall“ erklärt. Die Stuttgarter Zeitung schrieb, diese Bühne sei ein „Fall, der aus aller Kritisierbarkeit eigentlich herausfällt, ein klinischer Fall sozusagen“. Und die Südwestpresse kommentierte: „Das Heilbronner Theater blamierte sich und die Theatertage bis auf die Knochen.“

Walter Bison war der Intendant des Theaterprovisoriums und damit einer jener Männer, die den Theatergedanken in der Industrie- und Handelsstadt am Neckar jahrzehntelang am Leben hielten. Eine harte und undankbare Arbeit, welche die Heilbronner Kulturpolitik der Nachkriegszeit prägte. Eine Zeit, die mit seinem Ausscheiden 1980 zu Ende ging.Keine gute Ausgangsposition für einen Mann wie Klaus Wagner, der nun wieder beim Punkt Null ansetzen mußte.

Der lange Marsch aus der Kulturwüste begann. Wagners selbstkritisches und ehrliches Credo für seine Bison-Nachfolge: „Es geht nicht um etwas Besseres, wo eigentlich alles anders werden muß.“ - Walter Bison hatte seine Intendantenzeit mit dem Schwank von Arnold und Bach „Die Spanische Fliege“ beendet. Anspielungen auf die Krämerseelen, das Spießige in den Heilbronner Bürgern, ließ Bison verärgert nochmals Revue passieren - vor allem in den „Stützen der Gesellschaft“ und in Dürrenmatts „Meteor“, seiner Abschiedsinszenierung. Schlußsatz in der „Spanischen Fliege“ - auf seinen Nachfolger Klaus Wagner gemünzt: „Du wirst ihm die Sache doch nicht gleich verübeln.“ - Eine letzte Hoffnung des scheidenden Intendanten Walter Bison, im neuen Haus am Berliner Platz auch einmal inszenieren zu dürfen. Es blieb seine Hoffnung.

Klaus Wagner wollte kein langweiliger Intendant sein, sondern ein Mann mit Vielfalt und Überraschungen. Das Musical „Cabaret“ hatte er im November 1979 in der Planung. Er wollte die alte Liebe der Heilbronner, das musikalische Theater, wieder aufleben lassen. Und mit „Anatevka“ in der nun zweiten Spielstätte, dem ehemaligen Kühlraum der Alte Kelter, wurde das Versprechen eingelöst. Lustig sein, ohne nachzuspüren, woher die Lust dazu kommt - bemerkte ich damals zu dieser Klaus-Wagner-Inszenierung. Sie kann Brüche im Lustigsein darob nicht begreiflich machen, kann kaum klarmachen, wann der Spaß ins Grauen umkippt. So bleibt das Grauen oberflächliche Nebensache.

Dominant ist der Theaterklamauk. Aber der ist so kraftvoll geboten, so naiv und dreist ansteckend, die Musik mit dem kleinen Orchester so engagiert gespielt, daß man das zuckrige Bühnenbild vergessen kann, die Inszenierung als einen Höhepunkt begreifen lernt - nach all den vielen Jahren Heilbronner Theaterarbeit, in denen nicht nur der Bau provisorisch war, sondern auch die Herstellungen von Inszenierungen.

In Heilbronn begann Klaus Wagner mit Theater, das in der Käthchenstadt auffällig war - an anderen Theaterorten aber schon zum Alltäglichen gehörte. Wolff von Lindenau als Mireille Matthieu war eine kleine Sensation - im Theater. „Zieht ein Mann ‘nen Fummel an, schreit das Volk so laut es kann.“, kommentierte der Theatermarkt-Moderator. Georg Hensel, der Theaterkritiker meinte einst: „Tragödie und Komödie sind nichts anderes als Verkehrsunfälle, die zu sehen eine Menge Menschen ins Theater geht.“

Diese schlichte Weisheit nahm sich Klaus Wagner zu Herzen - und bot damit dem Heilbronner Publikum lang Entbehrtes - die Unfälle des Lebens.Außerdem hielt sich Klaus Wagner an Bert Brechts Satz: „Das Theater muß nämlich durchaus etwas Überflüssiges bleiben dürfen, was freilich dann bedeutet, daß man für den Überfluß lebt.“ - In Heilbronn war das Theater immer etwas Überflüssiges. Vielleicht dank alter Werte, die von pietistischen Grundhaltungen herrühren. Bretter, die die Welt bedeuten, sind von teuflischer Vergänglichkeit angefressen. Auf dieser „Bretter-Welt“ liegt eben ein böser Akzent, ein negativer Ton. Für eine pietistische Denunziation des Theaters, die garnicht nach Inhalten und Ausführungsform fragt, gibt es mannigfache Zeugnisse. Zum Beispiel das Bild „Vom breiten und schmalen Weg“. Beliebter Wandschmuck in pietistischen Häusern, der mir noch als Schüler im Hohenlohischen begegnete.

Das Moral-Bild zeigt unter den verhängnisvollen Verlockungen am breiten Weg neben Ballsaal, Wirtschaftsgarten und Spielhölle auch einen klassizistischen Theaterbau. In einer pietistischen Stunde wurde zu sittlichen Erbauung immer wieder von den beiden jungen Mädchen erzählt, die vom Lande nach Stuttgart gekommen waren und die sich zu einem Besuch des Opernhauses verführen ließen. Auf dem Wege begegnete ihnen der bekannte Prälat Bengel, der nur die Frage zu stellen brauchte: „Kinder, seid ihr auch auf dem rechten Wege?“, und schon machten sie kehrt und schämten sich ihrer Theaterlust.

Daß im Theater gute Musik zu hören, daß bildende und sittlich wertvolle Inhalte präsentiert wurden, das stellten die württembergischen Pietisten nicht in Abrede. „Aber wenn an der besten Speise Gift klebt, willst Du sie dann kosten?“, fragte der Stuttgarter Hofprediger Hediger hintergründig. Und von einem anderen frommen Mann in Württemberg wird berichtet, daß er sich in Gedanken daran den Theatergenuß versagte, er könnte während der Aufführung sterben und müsse vor dem Thron Gottes dann bekennen, er komme „aus der Komödie“.

Vielleicht erklärt sich daraus die manchmal harte und ignorante Toleranz in Heilbronn dem Theatergeschehen gegenüber. Man achtet die Beharrlichkeit des Theatermachers, daß da einer für den „Überfluß“ so intensiv lebt - aber man hält ihn eben für ein wenig verrückt. Im besten Sinne des Wortes wohlgemerkt. Aus der Normalwelt verrückt in die Welt des Zerrspiegels, der Illusion, des Gaukelns, die wir alle gern ein wenig genießen, mit der wir aber wirklich nichts zu tun haben wollen. Klaus Wagner hat in seinen Heilbronner Jahren das wohl oder übel erkennen und erleiden müssen. Er konnte tun und lassen, was immer er wollte.

Einen Skandal gab es nicht, mochte er auch noch so viele nackte Leiber über die Bühne jagen. Nur wenn er mehr Geld für sein Theater wollte, das war dann skandalös.Dabei hatte der Intendant zum fünfjährigen Jubiläum des Theaterneubaus am Berliner Platz auf meine Frage, inwiefern sein Theater skandalös sei, denn in Komödie und Tragödie werde der Mensch doch immer am Rande seiner Existenz gezeigt, mutig geantwortet: „Für Menschen, die Einordnung und Unterordnung für ein Lebensrezept halten, ist das Außerordentliche immer ein Skandal. Und daß der Mensch im Theater in Komödie und Tragödie am Rande seiner Existenz angesiedelt ist, halte ich für wahr. So verstanden ist Theater skandalös. Und es gehört zu meinem Konzept für das Theater, die Wahrheit zu zeigen und Menschen am Rande ihrer Existenz zu zeigen. Leider gelingt es nicht immer zu erfüllen, was man will.“

Jetzt ist Klaus Wagner 65 geworden. Und damit ist der Intendant dem Rentenalter nahegekommen. Walter Bison regierte das Heilbronner Theater insgesamt 26 Jahre lang als er im Jahre 1980 die Geschäfte übergab. Klaus Wagner bringt es bisher „nur“ auf fünfzehn Jahre. Und die haben erbracht, was einst Gemeinderat und Stadtväter von ihrem Theater erwarteten und erhofften, als sie Klaus Wagner kürten: eine Garantie für eine erfolgreiche Theaterarbeit in der sogenannten „Stadt der Krämerseelen“. Der Intendant hat Wort gehalten.

Ein Satz gilt ja - immer noch: dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze, auch den Intendanten nicht. Vielleicht mit einer Einschränkung: Mimen, die auf einer Filmrolle in vielen kleinen Bildchen verewigt sind, diesen Mimen flicht die Nachwelt gelegentlich noch Kränze. Aber jenen, die nur auf der Bühne oder als Regisseure hinter oder vor der Bühne standen ? Deren Kränze sind größtenteils verwelkt - manchmal sogar zwischen zwei Buchdeckeln. Wenn jetzt Klaus Wagner zum Geburtstag Glückwünsche entgegennehmen kann, dann bleibt die Erinnerung in seinem Kopf, in den Buchstaben der Tageszeitung und dieses Buches, in einem Bild und in Tönen auf Magnetband eine Zeit lang erhalten. Und dann geht sie den Weg alles Irdischen. Es wäre ja auch selten komisch, wäre es in diesem Fall anders.

Wenn ich auf meine Theaterzeit zurückblicke, ja was bleibt? Wer in Heilbronn theatralische Kunst erleben wollte - so vor einem viertel Jahrhundert - ja, der erlebte diese Kunst wie jene Bürger, die vor einhundert Jahren in dieser Stadt Theater erleben mußten: reichlich provisorisch. Dem ersten richtigen Theaterbau am Ende der Allee, 1913 erbaut, folgte der zweite knapp siebzig Jahre später. Und nach dem Krieg gab es 37 Jahre Theater-Provisorium. Das hat sich geändert: Markenzeichen heute - ein volles Theater und ein Torso als Theaterbau. Wer vom Norden in die Stadt kommt, dessen erster Theatereindruck ist eine weiße Wand und ein leerer Schotterplatz. Erst dann sieht er das Theater. Auch das kann sich ändern. Wenn man nur will. Und man will ja demnächst auch. Nur nicht mehr zur Intendantenzeit von Klaus Wagner.

Einem Kind, einem Jugendlichen wie mir - welche Theatererlebnisse wurden dem vor rund dreißig Jahren in und um Heilbronn geboten? „Götz von Berlichingen“ in Jagsthausen - ein absolutes Muß. Man las das Drama ja in der Schule - in verteilten Rollen. Da konnte und mußte jegliches Spektakel im Burghof nur besser sein. „Die Bürger von Calais“ oder „Jedermann“ auf den 54 Stufen in Schwäbisch Hall. Genickstarre vor Erhabenheit und der steilen Treppe. „Minna von Barnhelm“ und „Die Entführung aus dem Serail“ am Stuttgarter Staatstheater. Wer hätte das gedacht - erstaunlich, was Theater alles kann, mußte sich der kleine Provinzler sagen. Und dann das Heilbronner Bison-Provisorium im Gewerkschaftshaus - als Hausmannskost.

Jetzt, nachdem ich das Schwabenalter schon lange überschritten habe, Klaus Wagners erste wilde Erfolgsjahre zunächst kritisch in Zeitung und Funk begleiten durfte, ist mir das Theater in vielen Teilen fremd geworden. Ein Freund des Tanztheaters war ich nie. Oper lernte ich mit zunehmendem Alter schätzen und lieben. Und das Sprechtheater? In diesem Falle bin ich ein Kind der Zeit, ein Kino-Fan. Zeitgenössische Themen werden im Medium Film schnell und aktuell umgesetzt. Was uns heute unter den Nägeln brennt, die aktuellen Themen unserer Zeit, die kann ich morgen im Filmtheater oder auf einem Bildschirm in dramatische Formen umgesetzt im Zerrspiegel der Kunst erleben. Wie zu Zeiten Lessings und Schillers auf dem Theater.

Dennoch, wenn ich an Klaus Wagners „Nathan“, seinen „Theaterdirektor“ zurückdenke, dann weiß ich, daß es sich gelohnt hat, mit diesem Mann über viele Jahre hinweg zu streiten, zu sprechen, Gedanken auszutauschen. Wenn ich heute all die Interviews der vergangenen fünfzehn Jahre sichte, an die Gesprächsrunden im Radio mich erinnere, dann fällt mir auch immer wieder jener Satz ein, den mir Klaus Wagner im September 1980 in einem Brief schrieb: „Soll ich sagen, daß mir an einem entkrampften Verhältnis zwischen uns liegt?“

Die Entkrampfung - so stelle ich für mich fest - ist eingetreten. Liegt es daran, daß ich so wenig noch über das Heilbronner Theater schreibe? Es kann sein. Würde ich mehr über Kultur und Theater schreiben, wir würden uns bestimmt fetzen. Aber auf einem anderen Niveau als zu Beginn der achtziger Jahre. Hoffentlich auf einem besseren. Im ersten großen Streit zwischen Heilbronner Theaterkritik und dem Theaterchef formulierte Klaus Wagner pointiert „Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung, sogar ein Kritiker.“ - Wer wollte das ernsthaft bestreiten. Aber hatten Heilbronner Kritiker eine eigene Meinung? Und wenn nicht, welche hatten sie dann?

Was blieb von der Kritik? Beschriebenes, bedrucktes Papier - alte Tonbänder. Was blieb von den Inszenierungen? Die Erinnerung in den Köpfen der Zuschauer. Meine Erinnerungen.Und was bleibt von Klaus Wagner? Die vielen Inszenierungen mit Schauspielern, die zum Teil erfolgreich an anderen, ja auch größeren Häusern Karriere gemacht haben. Klaus Wagners Karriere ist der Erfolg seines Heilbronner Theaters.

Ich bewundere, wie er tagtäglich immer wieder sich vor den Karren spannt, um das Bedürfnis der Bürger nach Theater zu erfüllen. Ich hätte ihm gewünscht, daß er seine Intendanten-Laufbahn an einem Staatstheater beendet. Aber wie heißt es doch in den letzten Jahren so schön und treffend: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Klaus Wagner wurde zu spät Intendant. Und er war immer zu wenig Politiker, hatte zuviel Charakter.

Wenn ich an jene Tage im Juni 1979 zurückdenke, dann erinnere ich mich an die Sätze des 100-Jahre-Mannes: Es gibt einen Augenblick des Glückes, der uns jäh überfällt. Er verdrängt die Gedanken wie das absolute Licht den Schatten; die Sterne müssen günstig stehen. Er wußte nicht, wie es werden sollte; er hatte keinen Plan. Aber es würde gut werden. Es würde glücken, selbst ohne vergänglichen Ruhm. (Ernst Jünger: Die Zwille)

Danke für die gute Zeit mit dem Heilbronner Theater, das von der Persönlichkeit eines Klaus Wagner und seinem furiosen Handeln geprägt ist.

Geburtstagsgruß für Klaus Wagner, Intendant (1995)
Heilbronn, 24. April 1995

Stadtheater Heilbronn - Kilianpreis für Ingrid Richter-Wendel (1994)

Laudatio auf eine Schauspielerin 
Sie macht uns Lachen
und erschreckt uns, 
erschüttert und bewegt uns

Von Jürgen Dieter Ueckert

Schauspieler und Gaukler werden nicht mehr vor der Friedhofsmauer beerdigt. Ebensowenig wie Ärzte und Henker. Schauspieler werden auch nicht mehr als seltsames Gesindel angesehen, das mit seiner Spiegelung der Wirklichkeit Gottes eine gesittete Welt in Unordnung oder gar in Teufels Küche bringt. Schauspieler werden heute geachtet und geehrt. Nicht überall und zu jeder Zeit. Aber an diesem Tag in Heilbronn.

Ein Satz gilt dennoch - immer noch: dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze. Mit einer Einschränkung: Mimen, die auf einer Filmrolle in vielen kleinen Bildchen verewigt sind, diesen Mimen flicht die Nachwelt gelegentlich noch Kränze. Aber jenen, die nur auf der Bühne standen? Deren Kränze sind größtenteils verwelkt - manchmal sogar zwischen zwei Buchdeckeln. Was heute geehrt wird, bleibt in den Buchstaben der Tageszeitung, in einem Bild und in Tönen auf Magnetband vielleicht erhalten. Aber wie Sisyphus den Stein einst auf den Berg rollte, so wollen wir heute die Kränze flechten und auf den Berg dieses Festes rollen.

Wer in Heilbronn theatralische Kunst erleben wollte - so vor einem viertel Jahrhundert - ja, der erlebte diese Kunst wie jene Bürger, die vor einhundert Jahren in dieser Stadt Theater erleben mußten: reichlich provisorisch. Dem ersten richtigen Theaterbau am Ende der Allee, 1913 erbaut, folgte der zweite knapp siebzig Jahre später. Und nach dem Krieg gab es 37 Jahre Theater-Provisorium. Das hat sich geändert: Markenzeichen heute - ein volles Theater und ein Torso als Theaterbau. Wer vom Norden in die Stadt kommt, dessen erster Theatereindruck ist eine weiße Wand und ein leerer Schotterplatz. Erst dann sieht er das Theater. Auch das kann sich ändern. Wenn man nur will.

Ein Kind, ein Jugendlicher - welche Theatererlebnisse wurden dem vor rund 25 Jahren in und um Heilbronn geboten? „Götz von Berlichingen“ in Jagsthausen - ein absolutes Muß. Man las das Drama ja in der Schule - in verteilten Rollen. Da konnte und mußte jegliches Spektakel im Burghof nur besser sein. „Die Bürger von Calais“ oder „Jedermann“ auf den 54 Stufen in Schwäbisch Hall. Genickstarre vor Erhabenheit und der steilen Treppe. „Minna von Barnhelm“ und „Die Entführung aus dem Serail“ am Stuttgarter Staatstheater. Wer hätte das gedacht - erstaunlich, was Theater alles kann, mußte sich der kleine Provinzler sagen. Und dann das Heilbronner Bison-Provisorium im Gewerkschaftshaus - als Hausmannskost.

Ich muß es nochmals sagen: es ist heute noch eine Schande für Heilbronn, unter welchen Bedingungen dort Theater produziert und gespielt werden mußte. Ein Kultur-Markenzeichen der Wirtschaftswunder-Stadt Heilbronn. Und trotzdem gab es "Wallenstein" - beide Teile, die vielen Anouilh-Stücke, „Spitzenhäubchen und Arsenik“, sogar „My Fair Lady“, Shakespeare in Hülle und Fülle, Gerhart Hauptmann, Molière - auch Lessings "Nathan" auf einer Bühne, die keine Bühne war, in einem Theater, das eben nur ein Saal im Gewerkschaftshaus war. Aber es wurde dem jungen Menschen eine Menge an Theaterliteratur geboten - und das war immerhin besser als so manch langweiliges Reclamheft.

Einige von ihnen werden sich noch an „Hello Dolly“ mit Rotraud Grauer erinnern. Oder an Max Frisch „Biografie“ - mit Johanna Hanke. Damals sehr modern, zeitgenössisch. Zwei Schauspielerinnen aus jener Zeit um 1968/69, sie sind alten Theatergängern noch gut in Erinnerung. Und zu dieser Zeit kam auch eine junge Frau aus Krefeld ins Bison-Ensemble. Wenn ich mir ihr Paßbild von damals anschaue: recht modisch in Augenschminke und Haaren - es hätte in die Twiggy-Richtung gehen können. Das hatte man damals. Aber es kam dankenswerter Weise anders. Kraftvoller - und viel mehr Frau.

Da stand sie nun - auf der Bühne des Provisoriums im Gewerkschaftshaus. Ein Energiebündel mit einer eigentümlich preußischen Disziplin. Ein Vulkan, der nur gelegentlich Lava spuckte. Aber der aufmerksame Zuschauer sah das Leuchten der Glut in ihrer Mimik, in ihren Gesten, spürte das Zittern, das auf unterirdische Eruptionen hinwies. Und dann gab es - vor allem in Stücken von Gerhart Hauptmann und jetzt bei Bertolt Brecht - diese Erdverbundenheit, dieses Stehen mit beiden Beinen auf dem Boden einer brüchigen Realität. Und der Kopf, der war schon in den Wolken, beim Ach-so-Gut-sein-Wollen, und die Gefühle, die schwammen herum wie Brotstücke in der ärmlichen Suppe. Und wenn all das zusammengeschüttet war, im Chaos, dann gab es bei ihr, die wir heute ehren, diese Anklage gegen das Unrecht im Schicksal, gegen jene Götterwelt, die uns Menschen so unwürdig dahinkriechen läßt und uns gleichzeitig so erhöht - eine Anklage, die bei ihr nichts ist als ein stiller Schrei.

Ein stummer Schrei, der eigentlich in jedem Theatervorhang, in diesem ganzen Raum als Markenzeichen kleben muß.Und wie nah beieinander liegen ihre Werkzeuge im schaupielerischen Handwerkskasten: das Wirbeln und Tanzen wie ein Derwisch, die derbe, dann wieder lustvolle Freude am puren Spiel - „Laßt mich auch noch den Löwen spielen, Meister Squenz.“ Oder das laute völlig ungebundene Fröhlichsein, dann wieder das zarte Herantasten ans Gegenüber, das schroffe Abweisen und das kalte Sezieren beim Schutz der eigenen Persönlichkeit.

Sie zieht Register, die mich immer wieder zum Staunen bringen. Sie macht uns Lachen und erschreckt uns, erschüttert und bewegt uns. Aber sie lullt uns nicht ein.Wenn ich an ihre Schauspielkunst denke, dann schieben sich bei mir Konturen ihrer Kolleginnen Karin Schlemmer, Kirsten Dene und Anneliese Römer ins Bild. Viele Rollen, die sie hier in Heilbronn spielte, sah ich an anderen Theatern mit jenen Schauspielerinnen besetzt. Da ist Verwandtschaft. Mit dem Unterschied: sie - die wir heute ehren - kränkelt nicht so stark wie jene, ist weniger brüchig. Sie ist nicht blaß vor Gedankenschwermut.

Denn sie hat noch eine Prise Marika Röck in sich, die sie - wie der Baron Münchhausen - sich selber immer aus dem Sumpf ziehen läßt.Deshalb habe ich mich oft gefragt: hat diese Stadt, dieses Theater, dieses Publikum Ingrid Richter-Wendel überhaupt verdient? Sollte diese Frau ihren Mut, ihre Lebenslust und Lebensfreude, ihr Können nicht viel, viel mehr Leuten, Theaterenthusiasten und -liebhabern mitteilen müssen? Eine müßige Frage: Sie lebt und arbeitet hier - in dieser Stadt, an diesem Theater, mit diesem Publikum.

Und der Grund dafür: sie ist zu deutsch, sehr preußisch, treu - als Mutter ihrer Kinder, als sorgende Wirtschafterin ihres Haushaltes, als präzise Schauspielerin, die mit gelerntem Text bei der ersten Probe erscheint. Sie weist Tugenden auf und ist damit eine Schauspielerin, wie sie sich ein Intendant nur wünschen kann. Selber backen geht nicht. Also pfleglich behandeln.

Und deshalb hat diese Stadt, dieses Theater, dieses Publikum allen Grund, herzlich dankbar für Ingrid Richter-Wendel zu sein. Vor allem für ihre Interpretation der Mutter Courage, die eine Frau, eine Schauspielerin wie sie einfach spielen muß, weil sie eine Mutter Courage ist.

Und ich glaube auch, ja - ich weiß es: das Publikum, das Theater, die Stadt - wir alle, wir lieben Dich, Ingrid Richter-Wendel.

Und danken Dir dafür, daß Du in vorderster Front für den heißumkämpften Theatergedanken in Heilbronn durch Deine Leistung immer den Sieg errungen hast. Dieser Preis des Theatervereins sei Deine Trophäe aus dem unermüdlichen Kampf.

Stadttheater Heilbronn - am 26. Juni 1994
Theater-Verein Heilbronn e.V.