Samstag, 29. März 2014

Stadttheater Heilbronn - Kilianpreis für Viola von Lewinski (1995)

Laudatio auf  Viola von Lewinski


Voll von Lobpreisungen
                                                                 
Von Jürgen Dieter Ueckert


Den klassischen Frauenkonflikt schlechthin brachte das Heilbronner Stadttheater als deutschsprachige Erstaufführung auf die Bühne - war über das Schauspiel des britischen Jungdramatikers Jim Cartwright „Große  kleine Stimme“ zu lesen. Der klassische Frauenkonflikt, so ließ ich mich als Mann belehren, das ist nicht die Pubertät, die erste Liebe, der erste richtige Mann, das erste Kind, sondern der Mutter-Tochter-Konflikt. Obwohl der ja in der gängigen Theaterlitertaur und Belletristik nur am Rande vorkommt. So lernt man eben immer wieder hinzu.

In Heilbronn hatte der Regisseur Paul Burian das Stück zwischen Gesellschaftssatire, Milieustudie und menschlicher Tragödie angesiedelt. Sagten die einen. Dann war wieder zu hören, die märchenhafte Komödie sei mit einer gehörigen Portion schwarzem Humor gewürzt worden. Paul Burian ist es gelungen, einen Konflikt auf die Bühne zu bringen, der auf Grundstrukturen familiären und zwischenmenschlichen Agierens zurückzuführen ist. Die Figuren in einem Schaulauf durch die Höhen und Tiefen menschlicher Existenz, seien teilweise grotesk überzeichnet worden, ohne sie zu denunzieren. Der Regisseur Burian zeige fatale Fluchtstrategien: Aufstieg und Fall von Little Voice - der „Großen, kleinen Stimme“. Oder allgemein gesagt: Werden und Vergehen, Blühen und Absterben, Krieg und Frieden, Sieg und Niederlage. Wie schön. Wie alltäglich.

Aber in diesem Stück geht es nicht um Steffi Graf oder den Schwimmstar Franziska van Almsick, sondern um ein junges menschenscheues Wesen, das die Gabe besitzt die Stimmen seiner Vorbilder Judy Garland, Edith Piaf, Marilyn Monroe und Shirley Bessey perfekt zu imitieren. Und wie es üblich ist in unserem allzumenschlichen, trivialen Leben, wittert da einer sein Geschäft. Und das scheitert, weil Little Voice nur in ihrer klitzekleinen Traumwelt zurechtkommt, in der sie die vom Vater ererbten Lieblingsplatten hört. Zum Verdruß der Mutter - und da haben wir ihn den Mutter-Tochter-Konflikt.

Die Preisträgerin des vergangenen Jahres in dieser Sparte Ingrid Richter-Wendel spielte diese Mutter - versoffen, sprunghaft-unberechenbar als vulgäre Schlampe mit dem Drang  zu Höherem. Sie erscheint als die tragische Gestalt des Stückes - schrieb Theophil Hammer. Nüchtern dagegen umreißt Claudia Ihlefeld diese Frau, die da auf ihrem glutroten Bett lauert wie eine hungrige Wölfin, in ihrer rasenden Sucht nach Männern, Alkohol und Anerkennung. Eine personifizierte akute Absturzgefahr. Was übrigens für alle in Jim Cartwrights Gruselkabinett gilt. Anmerkung: Es ist ein alter Lehrsatz der Ästhetik, daß das Abschreckende nicht abschreckend dargestellt werden darf. Im zeitgenössischen Theater kaum beherzigt.

Dessen ungeachtet: Realitäten des menschlichen Lebens auf die Bühne bringen - wollte der Regisseur Paul Burian. Nicht den Schauspielern einfach seine Ideen überstülpen, nicht die Peitsche schwingen. ‚Mich interessiert, was Menschen anbieten - und was ich aus ihnen herauslocken kann‘. Ließ er bei den Proben verlauten. Und das Resultat? Zu isoliert bleiben die handelnden Personen. Ihre Charaktere durchlaufen keine Entwicklung. Samt und sonders handelt es sich um deformierte Gestalten, die zu sinnvoller Kommunikation oder zur Problemlösung nicht fähig sind, weil sie mit sich selbst genug zu tun haben. Das Stück hinterläßt beim Betrachter keine tieferen Spuren. Schrieb die Stuttgarter Zeitung. Und die Heilbronner Stimme: Das Stück wurde beim Premierenpublikum im Großen Haus begeistert aufgenommen. Bei diesen Unterschieden macht Zeitunglesen wieder Spaß.

„Die Vokale kostet sie auf ihrer Zunge wie schweren, dunklen Wein. Ihre Augen scheinen Dinge zu sehen, die kein Mensch vor ihr je sah. Ihre Bewegungen rutschen graziös ins Trancehafte. Sie schreitet hellwach an der Grenze zum Wahnsinn entlang, macht mal einen Schritt hinüber, dann wieder einen Sprung herüber. Ihre Figuren kommen aus dem Reich, in dem sich Körper in Gespenster auflösen, blitzgescheit und komisch.“ - Sowas liest man gern. Aber es ist keine Beschreibung der Preisträgerin für die beste weibliche Hauptrolle, für Viola von Lewinski.

Und noch ein Zitat - wenn ich schon dabei bin: „Sie scheint ihre Figuren mit den Schultern, die sie kullern und kugeln lassen kann, vor sich herzuschieben. Läßt die Augen rollen, die Sprache in lauter stimmhafte „S“ sich ironisch aussingen, nudelt und schnauft über Abgründe hinweg. Sie kann, wenn das Herz spricht, zu einem Hohnklumpen eingefrieren. Und sie kann, wenn Blut fließt und Mord grassiert, so sachlich-fröhlich sein wie bei einem Kaffeekränzchen - nur: daß man hinterm Klumpen das Herz auch spürt und hinterm Lächeln den Schrecken schmeckt.“ - Da hat einer die Worte im Hirn abgeschmeckt. Eine schöne Beschreibung. Aber mit unserer Preisträgerin und ihrer Preisrolle hat das wieder nichts zu tun. Auch wenn ich Ähnliches gern über sie gelesen hätte. Was nicht ist, kann ja noch werden.

Sie werden sich jetzt fragen: Was wurde über sie denn gesagt?  Heilbronner Stimme: „Die schüchterne Little Voice (Viola von Lewinski) lebt zurückgezogen in ihrer Kunstwelt voller Schallplatten großer Sängerinnen und Stars. Die gnadenlose Abrechnung von Little Voice mit der Mutter - schrill und etwas hektisch versucht Viola von Lewinski hier Spannung zu lösen.“ Und die Stuttgarter Zeitung:  „ ...in sich zurückgezogen: Viola von Lewinski.“ Das wars - nicht eben viele Worte von der Kritik im September 1994. Aber Sie, die Mitglieder des Theater-Vereins haben demokratisch entschieden. Viola von Lewinski erhält für die beste weibliche Hauptrolle den Kilianpreis 1995. Und damit haben Sie Gescmack und Qualität bewiesen.

Denn Sie kennen diese 158 Zentimeter große junge Dame, die zwischen 25 und 30 Jahre alt sein dürfte. Ihr Alter will sie ja nicht verraten - da sei sie furchtbar eitel. Sie, die regelmäßigen Theaterbesucher haben Viola von Lewinski als Virginia in Canterville, als Karoline in  „Kasimir und Karoline“, als Recha im Nathan, als Mädchen im „Der Weg zum Bahnhof“, als Sozialarbeiterin in „Hungrige Herzen“, als Kristin in „Fäulein Julie“, als Mitzi in „Der Drang“, als Angel City Four in „City of Angels“ oder als Little Voice in „Große kleine Stimme“ gesehen, bewundert, lieben gelernt.

Geliebt hat Viola von Lewinski, so sagte sie als sie in Heilbronn eintraf, die Rolle der Lena in einer Bremer Studentenproduktion von Büchners „Leonce und Lena“. Sie schätze mehr das modernistische Theater, das nicht so direkt eins zu eins genommen werde. Sie liebt die Verbindung avantgardistischer Musik mit Sprache. Und fast ebenso wichtig wie die Arbeit unter Hansgünther Heyme in Bremen ist ihr, der Absolventin der Berliner Hochschule der Bildenden Künste, das Spiel in unabhängigen Produktionen gewesen. Hohe Ansprüche einer energiegeladenen Schauspielerin.

Aber bekannt ist ja auch, daß das Gewerbe der Schauspieler changiert  - zwischen Betrug und Gottesdienst, Hochstapelei und höherer Bedeutung. Die Frage ist, in welcher Gesellschaft das Gewerbe ausgeübt wird. Die deutschen Schauspieler, so sagte ein George Tabori in einem Interview, tun alles. Sie machen Sachen, die kein englischer oder amerikanischer Schauspieler machen würde. Wenn man einem amerikanischen Schauspieler sagt: ‚Hier sollst Du weinen und wütend sein‘. Dann gibt er zurück: ‚Jetzt gleich? Du spinnst wohl.‘ Tabori meint damit: in Amerika sei das Theater ganz anders. Dort sind die Schauspieler die Hauptsache, bei uns ist es der Regisseur. In Deutschland gibt es noch ganz stark die Tradition des Hoftheaters, die Hierarchie vom Intendanten bis hinunter zum Anfänger. Außerdem sind Ordnung und Disziplin primäre Tugenden, im Gegensatz zu Freiheit und Anarchie wie in England und Amerika.
Faszinierend - diese Allgemeinplätze.

Aber dafür, daß der deutsche Schauspieler sich darauf hat trainieren lassen, von Regisseuren gebrochen und gebogen zu werden, hält er sich dann als Leidender schadlos. Er macht aus seinem Masochismus einen Anspruch. Zunächst einen Anspruch an sich selbst. Er wird, bevor noch der Regisseur an ihn herantritt, sofort bei sich selber Regie führen, die Figur, die er spielen soll, abfragen, welchen Sinn, welche Interpretation er ihr unterlegen soll. Der deutsche Schauspieler greift gerne zum passenden psychologischen Kästchen, in das er die Figur und sein Spiel preßt. Er sucht nicht nach dem Leben, das er darstellen soll, er greift nach dem Papier, in das er das Leben einwickeln kann.

Und daraus folgt: Viele deutsche Schauspieler haben Zeitungsausschnitte in der Tasche, die sie zücken wie Beweise. Übrigens nicht nur Schauspieler - auch Politiker. Aus diesen Papierfetzen ist ersichtlich, daß er oder sie ein wunderbarer Schauspieler ist. Er, der Herr der Kästchen, ist süchtig nach Kästchen-Worten, Schubladen-Phrasen und Etiketten. Faule Kritiker sind seine Komplizen. Ein einziges „wunderbar“ oder „genial“ hilft über Jahrzehnte der Demütigung hinweg und berechtigt ihn nach den Sternen zu greifen. Und in mancher Kritik wird auch stehen, er habe die Sternenrolle geschultert. Oder es steht da, er sei unter ihr „zusammengebrochen“. Deutsche Schauspieler spielen viele Rollen, aber in allen Rollen meist die eine: die Rolle des Atlas, der die Welt trägt und erträgt..

Dabei sind sie doch nichts als Fleischmacher - und die Goldfinger des Theaters. Der Schauspieler macht aus dem fremden Wort sein Fleisch und verwandelt den oftmals privaten Mist des Autors in öffentliches Gold. Beides sind heilige Vorgänge - ist hochsensible und eitel-brutale Verwandlungsmystik. In jedem Schauspieler  - so hoffe ich doch - steckt auch etwas von einem Priester und vom ziegenbeinigen Zaubergott Dionysos. Ist Viola von Lewinski diese Fleischwerdung  von Papier, diese Verwandeln von privatem Mist in öffentliches Gold ein wenig gelungen? Ja, meine ich - und Sie, die Jury haben das bestätigt.

Es gibt in den „Besuchern“ von Botho Strauß einen Jungmimen namens Max, der die Bühne leerspielen, sich wenigsten für zwei, drei Sekunden neben der Wahrscheinlichkeit aufhalten will. Er möchte dem Publikum etwas Wunderbares, Unerhörtes, Grenzüberschreitendes zeigen. Und lapidar vernichtet im gleichen Stück der große, brillante Karl Joseph mit einer behaglichen Philippika dieses Ansinnen: „Nicht wahr, die Bühne, das Theater. Das waren schon tausend Taten, tausend mehr oder weniger lebensentscheidende Handlungen. Und am Ende hat sich nichts getan. Man hat telefoniert, geliebt und sich verwechselt. Man ist gerannt und hat gewartet. man hat sich versteckt und sich aufgeplustert. Man hat sein Herz verloren, bekam den Schädel gespalten und hat mit verdrehter Zunge gesprochen. Man war der eitle Verführer und der dumme August. Und am Ende? Am Ende ist die Bühne gerade so leer wie am Anfang.“ Ende der Vernichtung. Heute ist diese Bühne voll - voller prämierter Theaterleute. Und voll von Lobpreisungen. Dazu haben wir ja auch allen Grund.

Theater-Verein Heilbronn e.V.
Stadttheater Heilbronn
am 9. Juli 1995




Stadttheater Heilbronn - 65 Jahre alt - Geburtstagsgruß an Klaus Wagner (1995)

Für den Intendanten am Heilbronner Stadttheater - Zum 65. Geburtstag

Klaus Wagner beim Freilichttheater -
Feuchtwangen und die Folgen

Von Jürgen Dieter Ueckert

Noch ein paar wenige Wochen - dann sind es genau 16 Jahre, die ich Klaus Wagner kenne. Damals war er ein wenig älter als ich heute. Er hatte viel vor sich. Dennoch schien er mir beim ersten Kennenlernen ganz und gar nicht zuversichtlich.

Wie seit Jahrzehnten schon in diesem Landstrich der Schwaben und Franken beginnt Ende des Frühlings die Saison der Freilichttheater. An irgendeinem dieser vielen Premierentage war ich in Feuchtwangen, um über die Eröffnung der Festspiele mit einer Shakespeare-Komödie für den Südfunk zu berichten. Heinz Kipfer, einst schweizerisch-jugendlicher Held in der ausgehenden Bison-Aera, war damals in Krefeld engagiert. Und der Krefelder Intendant - wie es der Zufall so wollte - war auch Freiluft-Intendant in Feuchtwangen. Klaus Wagner, ein mir damals völlig Unbekannter, inszenierte bei den Kreuzgangspielen 1979 das Märchen.Bei der Eröffnungs- und Premierenfeier stellte mir Heinz Kipfer einen der drei Kandidaten für die letzte Intendanten-Wahlrunde in Heilbronn, eben diesen Klaus Wagner vor.

49 Bewerber hatten sich als Bison-Nachfolger in Heilbronn beworben. Eine Findungskommission suchte unter der Vielzahl fünf Bewerber aus und präsentierte diese dem Verwaltungsausschuß. Und der hatte drei davon erkoren, aus denen der Heilbronner Gemeinderat am 28. Juni 1979 einen zum Intendanten wählen sollte.

Alf André, der Intendant der Badischen Landesbühne in Bruchsal, war der Mann für die Sozialdemokraten. Karl-Heinz Büchi, freier Regisseur aus Baden-Baden, in Heilbronn als Schauspieler und Regisseur wohlbekannt, von Teilen der CDU und FDP unterstützt, hatte sich durch schiefe Angaben in seinem Lebenslauf im Vorfeld schon disqualifiziert. Und dann gab es da noch den dritten, wie Herbert Wehner sagen würde, das „freischwebende Arschloch“ oder in freundlichem Deutsch die „parteiungebundene Alternative“: Klaus Wagner, Regisseur aus Eckenroth.

Für mich war schon in Feuchtwangen klar: Klaus Wagner ist der neue Intendant des Heilbronner Stadttheaters. Warum ? Die bürgerliche Mehrheit im Heilbronner Gemeinderat würde niemals einen Kandidaten der SPD wählen. Als ich an jenem Abend in Feuchtwangen Klaus Wagner zum ersten Mal die Hand schüttelte, da sagte ich ihm frohgemut, daß er der neue Intendant von Heilbronn sei. Er schaute mich ungläubig an, lachte verlegen, wiegelte ab - was sollte er auch anderes tun. Die Wahl war noch nicht gelaufen. Und da kommt so ein seltsamer Mensch aus dem Provinznest Heilbronn daher und verkündet ihm seltsame Botschaften - als sei er ein Bruder jener Dame aus Delphi.

Am Tag der Wahl bestätigte sich meine kühne Voraussage. Zum Erstaunen der meisten Gemeinderäte wurde im ersten Wahlgang mit 22 von 39 Stimmen der 49 jährige Klaus Wagner gewählt. Seine Vorstellungsrede überzeugte. Ohne Zettelwirtschaft wurde temperamentvoll ein fundiertes Konzept vorgetragen.

Mein erstes Interview - gleich nach der Wahl - war von bemerkenswerten Wagner-Sätzen geprägt. Ich hatte Klaus Wagner unter anderem mit einem Satz eines in Süddeutschland damals bekannten und gefürchteten Kritikers konfrontiert, der vor der Heilbronner Intendantenwahl schrieb, daß jeder der drei Bewerber als neuer Stadttheater-Intendant nicht in der Lage sei, neue Zuschauerströme nach Heilbronn zu bringen, denn der Gewählte wolle sich in Heilbronn nur festsetzen - aufs Altenteil. Klaus Wagner antwortete diplomatisch: „Ich kenne den Herrn nicht, aber er kennt mich bestimmt auch nicht.“

Klaus Wagner, der expressive Kandidat - der war damals auch ein Mann mit stiller Sehnsucht. - „Nun bin ich seit 22 Jahren ein Regisseur, der fünf, sechs Wochen in einer Stadt ist, eine Produktion macht. Deshalb habe ich eine Breite an Möglichkeiten, wie man es sich nur wünschen könnte - nicht an Fähigkeit. Ich habe in dieser Spielzeit 1978/79 von einem Volksstück, über ein Musical, über eine literarische Komödie, über einen Klassiker nun auch noch ein Kinderstück inszeniert. Bisher habe ich immer gesagt, ich habe drei Wohnzimmer: das eine ist das Auto, das zweite ist das Café am Nachmittag und das dritte ist die Wirtschaft am Abend, in der man sitzt. Dies wird anders werden. Ich freue mich darauf, daß es anders wird. Nicht weil ich nun seßhaft bin und Unbehagen von mir tue. Ich werde das meine dazu tun - über Disziplin, über das Wissen um Aufgaben.“

Ein Stadtrat aus den Reihen der CDU hatte mir nach der Wahl im Heilbronner Rathaus spöttisch dargelegt: „Die SPD hat in Heilbronn den Theaterbau durchgedrückt, wir haben ihnen den Intendanten dazu gewählt.“ - Die diplomatische Reaktion des frischgewählten Intendanten Klaus Wagner: „Ich werde versuchen, für die SPD genauso ein Intendant zu sein wie für die CDU. Das Vertrauen ehrt mich.“Und das Programm des neuen Intendanten? - „Ich meine, heute ist es eine Chance zu sagen, ein Theater ist zu nichts anderem gut und hat zu nichts anderem gut zu sein, als die Sache zu präsentieren. Ich finde es natürlich eine gute Aufgabenstellung, sagen zu können: wir sind nicht gebunden, an nichts.

“Widersprüche! Ein Mann, der für CDU, SPD, FDP und andere Parteien gleichermaßen Intendant sein will, aber ohne Bindungen - gibt es den? Nein. Klaus Wagner wurde gebunden und gefesselt. Er merkte es, er verspürte es - und die Seile schnitten mit der Zeit Wunden in sein Fleisch. Jedermanns Lieblings, ist jedermanns Dackel - heißt es im Schwäbischen. Klaus Wagner war und ist nicht jedermanns Liebling.

Aber Klaus Wagner war damals erst gewählter Intendant - noch kein amtierender. Das Heilbronner Theater rückte durch die Wahl ins Blickfeld der breiten Öffentlichkeit in Baden Württemberg. Mit der kleinen Provinzbühne im letzten Spieljahr der Aera Walter Bison ging es steil bergab. Auf dem baden-württembergischen Theatertreffen in Karlsruhe wurde das Heilbronner Theater schlicht zu einem „Fall“ erklärt. Die Stuttgarter Zeitung schrieb, diese Bühne sei ein „Fall, der aus aller Kritisierbarkeit eigentlich herausfällt, ein klinischer Fall sozusagen“. Und die Südwestpresse kommentierte: „Das Heilbronner Theater blamierte sich und die Theatertage bis auf die Knochen.“

Walter Bison war der Intendant des Theaterprovisoriums und damit einer jener Männer, die den Theatergedanken in der Industrie- und Handelsstadt am Neckar jahrzehntelang am Leben hielten. Eine harte und undankbare Arbeit, welche die Heilbronner Kulturpolitik der Nachkriegszeit prägte. Eine Zeit, die mit seinem Ausscheiden 1980 zu Ende ging.Keine gute Ausgangsposition für einen Mann wie Klaus Wagner, der nun wieder beim Punkt Null ansetzen mußte.

Der lange Marsch aus der Kulturwüste begann. Wagners selbstkritisches und ehrliches Credo für seine Bison-Nachfolge: „Es geht nicht um etwas Besseres, wo eigentlich alles anders werden muß.“ - Walter Bison hatte seine Intendantenzeit mit dem Schwank von Arnold und Bach „Die Spanische Fliege“ beendet. Anspielungen auf die Krämerseelen, das Spießige in den Heilbronner Bürgern, ließ Bison verärgert nochmals Revue passieren - vor allem in den „Stützen der Gesellschaft“ und in Dürrenmatts „Meteor“, seiner Abschiedsinszenierung. Schlußsatz in der „Spanischen Fliege“ - auf seinen Nachfolger Klaus Wagner gemünzt: „Du wirst ihm die Sache doch nicht gleich verübeln.“ - Eine letzte Hoffnung des scheidenden Intendanten Walter Bison, im neuen Haus am Berliner Platz auch einmal inszenieren zu dürfen. Es blieb seine Hoffnung.

Klaus Wagner wollte kein langweiliger Intendant sein, sondern ein Mann mit Vielfalt und Überraschungen. Das Musical „Cabaret“ hatte er im November 1979 in der Planung. Er wollte die alte Liebe der Heilbronner, das musikalische Theater, wieder aufleben lassen. Und mit „Anatevka“ in der nun zweiten Spielstätte, dem ehemaligen Kühlraum der Alte Kelter, wurde das Versprechen eingelöst. Lustig sein, ohne nachzuspüren, woher die Lust dazu kommt - bemerkte ich damals zu dieser Klaus-Wagner-Inszenierung. Sie kann Brüche im Lustigsein darob nicht begreiflich machen, kann kaum klarmachen, wann der Spaß ins Grauen umkippt. So bleibt das Grauen oberflächliche Nebensache.

Dominant ist der Theaterklamauk. Aber der ist so kraftvoll geboten, so naiv und dreist ansteckend, die Musik mit dem kleinen Orchester so engagiert gespielt, daß man das zuckrige Bühnenbild vergessen kann, die Inszenierung als einen Höhepunkt begreifen lernt - nach all den vielen Jahren Heilbronner Theaterarbeit, in denen nicht nur der Bau provisorisch war, sondern auch die Herstellungen von Inszenierungen.

In Heilbronn begann Klaus Wagner mit Theater, das in der Käthchenstadt auffällig war - an anderen Theaterorten aber schon zum Alltäglichen gehörte. Wolff von Lindenau als Mireille Matthieu war eine kleine Sensation - im Theater. „Zieht ein Mann ‘nen Fummel an, schreit das Volk so laut es kann.“, kommentierte der Theatermarkt-Moderator. Georg Hensel, der Theaterkritiker meinte einst: „Tragödie und Komödie sind nichts anderes als Verkehrsunfälle, die zu sehen eine Menge Menschen ins Theater geht.“

Diese schlichte Weisheit nahm sich Klaus Wagner zu Herzen - und bot damit dem Heilbronner Publikum lang Entbehrtes - die Unfälle des Lebens.Außerdem hielt sich Klaus Wagner an Bert Brechts Satz: „Das Theater muß nämlich durchaus etwas Überflüssiges bleiben dürfen, was freilich dann bedeutet, daß man für den Überfluß lebt.“ - In Heilbronn war das Theater immer etwas Überflüssiges. Vielleicht dank alter Werte, die von pietistischen Grundhaltungen herrühren. Bretter, die die Welt bedeuten, sind von teuflischer Vergänglichkeit angefressen. Auf dieser „Bretter-Welt“ liegt eben ein böser Akzent, ein negativer Ton. Für eine pietistische Denunziation des Theaters, die garnicht nach Inhalten und Ausführungsform fragt, gibt es mannigfache Zeugnisse. Zum Beispiel das Bild „Vom breiten und schmalen Weg“. Beliebter Wandschmuck in pietistischen Häusern, der mir noch als Schüler im Hohenlohischen begegnete.

Das Moral-Bild zeigt unter den verhängnisvollen Verlockungen am breiten Weg neben Ballsaal, Wirtschaftsgarten und Spielhölle auch einen klassizistischen Theaterbau. In einer pietistischen Stunde wurde zu sittlichen Erbauung immer wieder von den beiden jungen Mädchen erzählt, die vom Lande nach Stuttgart gekommen waren und die sich zu einem Besuch des Opernhauses verführen ließen. Auf dem Wege begegnete ihnen der bekannte Prälat Bengel, der nur die Frage zu stellen brauchte: „Kinder, seid ihr auch auf dem rechten Wege?“, und schon machten sie kehrt und schämten sich ihrer Theaterlust.

Daß im Theater gute Musik zu hören, daß bildende und sittlich wertvolle Inhalte präsentiert wurden, das stellten die württembergischen Pietisten nicht in Abrede. „Aber wenn an der besten Speise Gift klebt, willst Du sie dann kosten?“, fragte der Stuttgarter Hofprediger Hediger hintergründig. Und von einem anderen frommen Mann in Württemberg wird berichtet, daß er sich in Gedanken daran den Theatergenuß versagte, er könnte während der Aufführung sterben und müsse vor dem Thron Gottes dann bekennen, er komme „aus der Komödie“.

Vielleicht erklärt sich daraus die manchmal harte und ignorante Toleranz in Heilbronn dem Theatergeschehen gegenüber. Man achtet die Beharrlichkeit des Theatermachers, daß da einer für den „Überfluß“ so intensiv lebt - aber man hält ihn eben für ein wenig verrückt. Im besten Sinne des Wortes wohlgemerkt. Aus der Normalwelt verrückt in die Welt des Zerrspiegels, der Illusion, des Gaukelns, die wir alle gern ein wenig genießen, mit der wir aber wirklich nichts zu tun haben wollen. Klaus Wagner hat in seinen Heilbronner Jahren das wohl oder übel erkennen und erleiden müssen. Er konnte tun und lassen, was immer er wollte.

Einen Skandal gab es nicht, mochte er auch noch so viele nackte Leiber über die Bühne jagen. Nur wenn er mehr Geld für sein Theater wollte, das war dann skandalös.Dabei hatte der Intendant zum fünfjährigen Jubiläum des Theaterneubaus am Berliner Platz auf meine Frage, inwiefern sein Theater skandalös sei, denn in Komödie und Tragödie werde der Mensch doch immer am Rande seiner Existenz gezeigt, mutig geantwortet: „Für Menschen, die Einordnung und Unterordnung für ein Lebensrezept halten, ist das Außerordentliche immer ein Skandal. Und daß der Mensch im Theater in Komödie und Tragödie am Rande seiner Existenz angesiedelt ist, halte ich für wahr. So verstanden ist Theater skandalös. Und es gehört zu meinem Konzept für das Theater, die Wahrheit zu zeigen und Menschen am Rande ihrer Existenz zu zeigen. Leider gelingt es nicht immer zu erfüllen, was man will.“

Jetzt ist Klaus Wagner 65 geworden. Und damit ist der Intendant dem Rentenalter nahegekommen. Walter Bison regierte das Heilbronner Theater insgesamt 26 Jahre lang als er im Jahre 1980 die Geschäfte übergab. Klaus Wagner bringt es bisher „nur“ auf fünfzehn Jahre. Und die haben erbracht, was einst Gemeinderat und Stadtväter von ihrem Theater erwarteten und erhofften, als sie Klaus Wagner kürten: eine Garantie für eine erfolgreiche Theaterarbeit in der sogenannten „Stadt der Krämerseelen“. Der Intendant hat Wort gehalten.

Ein Satz gilt ja - immer noch: dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze, auch den Intendanten nicht. Vielleicht mit einer Einschränkung: Mimen, die auf einer Filmrolle in vielen kleinen Bildchen verewigt sind, diesen Mimen flicht die Nachwelt gelegentlich noch Kränze. Aber jenen, die nur auf der Bühne oder als Regisseure hinter oder vor der Bühne standen ? Deren Kränze sind größtenteils verwelkt - manchmal sogar zwischen zwei Buchdeckeln. Wenn jetzt Klaus Wagner zum Geburtstag Glückwünsche entgegennehmen kann, dann bleibt die Erinnerung in seinem Kopf, in den Buchstaben der Tageszeitung und dieses Buches, in einem Bild und in Tönen auf Magnetband eine Zeit lang erhalten. Und dann geht sie den Weg alles Irdischen. Es wäre ja auch selten komisch, wäre es in diesem Fall anders.

Wenn ich auf meine Theaterzeit zurückblicke, ja was bleibt? Wer in Heilbronn theatralische Kunst erleben wollte - so vor einem viertel Jahrhundert - ja, der erlebte diese Kunst wie jene Bürger, die vor einhundert Jahren in dieser Stadt Theater erleben mußten: reichlich provisorisch. Dem ersten richtigen Theaterbau am Ende der Allee, 1913 erbaut, folgte der zweite knapp siebzig Jahre später. Und nach dem Krieg gab es 37 Jahre Theater-Provisorium. Das hat sich geändert: Markenzeichen heute - ein volles Theater und ein Torso als Theaterbau. Wer vom Norden in die Stadt kommt, dessen erster Theatereindruck ist eine weiße Wand und ein leerer Schotterplatz. Erst dann sieht er das Theater. Auch das kann sich ändern. Wenn man nur will. Und man will ja demnächst auch. Nur nicht mehr zur Intendantenzeit von Klaus Wagner.

Einem Kind, einem Jugendlichen wie mir - welche Theatererlebnisse wurden dem vor rund dreißig Jahren in und um Heilbronn geboten? „Götz von Berlichingen“ in Jagsthausen - ein absolutes Muß. Man las das Drama ja in der Schule - in verteilten Rollen. Da konnte und mußte jegliches Spektakel im Burghof nur besser sein. „Die Bürger von Calais“ oder „Jedermann“ auf den 54 Stufen in Schwäbisch Hall. Genickstarre vor Erhabenheit und der steilen Treppe. „Minna von Barnhelm“ und „Die Entführung aus dem Serail“ am Stuttgarter Staatstheater. Wer hätte das gedacht - erstaunlich, was Theater alles kann, mußte sich der kleine Provinzler sagen. Und dann das Heilbronner Bison-Provisorium im Gewerkschaftshaus - als Hausmannskost.

Jetzt, nachdem ich das Schwabenalter schon lange überschritten habe, Klaus Wagners erste wilde Erfolgsjahre zunächst kritisch in Zeitung und Funk begleiten durfte, ist mir das Theater in vielen Teilen fremd geworden. Ein Freund des Tanztheaters war ich nie. Oper lernte ich mit zunehmendem Alter schätzen und lieben. Und das Sprechtheater? In diesem Falle bin ich ein Kind der Zeit, ein Kino-Fan. Zeitgenössische Themen werden im Medium Film schnell und aktuell umgesetzt. Was uns heute unter den Nägeln brennt, die aktuellen Themen unserer Zeit, die kann ich morgen im Filmtheater oder auf einem Bildschirm in dramatische Formen umgesetzt im Zerrspiegel der Kunst erleben. Wie zu Zeiten Lessings und Schillers auf dem Theater.

Dennoch, wenn ich an Klaus Wagners „Nathan“, seinen „Theaterdirektor“ zurückdenke, dann weiß ich, daß es sich gelohnt hat, mit diesem Mann über viele Jahre hinweg zu streiten, zu sprechen, Gedanken auszutauschen. Wenn ich heute all die Interviews der vergangenen fünfzehn Jahre sichte, an die Gesprächsrunden im Radio mich erinnere, dann fällt mir auch immer wieder jener Satz ein, den mir Klaus Wagner im September 1980 in einem Brief schrieb: „Soll ich sagen, daß mir an einem entkrampften Verhältnis zwischen uns liegt?“

Die Entkrampfung - so stelle ich für mich fest - ist eingetreten. Liegt es daran, daß ich so wenig noch über das Heilbronner Theater schreibe? Es kann sein. Würde ich mehr über Kultur und Theater schreiben, wir würden uns bestimmt fetzen. Aber auf einem anderen Niveau als zu Beginn der achtziger Jahre. Hoffentlich auf einem besseren. Im ersten großen Streit zwischen Heilbronner Theaterkritik und dem Theaterchef formulierte Klaus Wagner pointiert „Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung, sogar ein Kritiker.“ - Wer wollte das ernsthaft bestreiten. Aber hatten Heilbronner Kritiker eine eigene Meinung? Und wenn nicht, welche hatten sie dann?

Was blieb von der Kritik? Beschriebenes, bedrucktes Papier - alte Tonbänder. Was blieb von den Inszenierungen? Die Erinnerung in den Köpfen der Zuschauer. Meine Erinnerungen.Und was bleibt von Klaus Wagner? Die vielen Inszenierungen mit Schauspielern, die zum Teil erfolgreich an anderen, ja auch größeren Häusern Karriere gemacht haben. Klaus Wagners Karriere ist der Erfolg seines Heilbronner Theaters.

Ich bewundere, wie er tagtäglich immer wieder sich vor den Karren spannt, um das Bedürfnis der Bürger nach Theater zu erfüllen. Ich hätte ihm gewünscht, daß er seine Intendanten-Laufbahn an einem Staatstheater beendet. Aber wie heißt es doch in den letzten Jahren so schön und treffend: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Klaus Wagner wurde zu spät Intendant. Und er war immer zu wenig Politiker, hatte zuviel Charakter.

Wenn ich an jene Tage im Juni 1979 zurückdenke, dann erinnere ich mich an die Sätze des 100-Jahre-Mannes: Es gibt einen Augenblick des Glückes, der uns jäh überfällt. Er verdrängt die Gedanken wie das absolute Licht den Schatten; die Sterne müssen günstig stehen. Er wußte nicht, wie es werden sollte; er hatte keinen Plan. Aber es würde gut werden. Es würde glücken, selbst ohne vergänglichen Ruhm. (Ernst Jünger: Die Zwille)

Danke für die gute Zeit mit dem Heilbronner Theater, das von der Persönlichkeit eines Klaus Wagner und seinem furiosen Handeln geprägt ist.

Geburtstagsgruß für Klaus Wagner, Intendant (1995)
Heilbronn, 24. April 1995

Stadtheater Heilbronn - Kilianpreis für Ingrid Richter-Wendel (1994)

Laudatio auf eine Schauspielerin 
Sie macht uns Lachen
und erschreckt uns, 
erschüttert und bewegt uns

Von Jürgen Dieter Ueckert

Schauspieler und Gaukler werden nicht mehr vor der Friedhofsmauer beerdigt. Ebensowenig wie Ärzte und Henker. Schauspieler werden auch nicht mehr als seltsames Gesindel angesehen, das mit seiner Spiegelung der Wirklichkeit Gottes eine gesittete Welt in Unordnung oder gar in Teufels Küche bringt. Schauspieler werden heute geachtet und geehrt. Nicht überall und zu jeder Zeit. Aber an diesem Tag in Heilbronn.

Ein Satz gilt dennoch - immer noch: dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze. Mit einer Einschränkung: Mimen, die auf einer Filmrolle in vielen kleinen Bildchen verewigt sind, diesen Mimen flicht die Nachwelt gelegentlich noch Kränze. Aber jenen, die nur auf der Bühne standen? Deren Kränze sind größtenteils verwelkt - manchmal sogar zwischen zwei Buchdeckeln. Was heute geehrt wird, bleibt in den Buchstaben der Tageszeitung, in einem Bild und in Tönen auf Magnetband vielleicht erhalten. Aber wie Sisyphus den Stein einst auf den Berg rollte, so wollen wir heute die Kränze flechten und auf den Berg dieses Festes rollen.

Wer in Heilbronn theatralische Kunst erleben wollte - so vor einem viertel Jahrhundert - ja, der erlebte diese Kunst wie jene Bürger, die vor einhundert Jahren in dieser Stadt Theater erleben mußten: reichlich provisorisch. Dem ersten richtigen Theaterbau am Ende der Allee, 1913 erbaut, folgte der zweite knapp siebzig Jahre später. Und nach dem Krieg gab es 37 Jahre Theater-Provisorium. Das hat sich geändert: Markenzeichen heute - ein volles Theater und ein Torso als Theaterbau. Wer vom Norden in die Stadt kommt, dessen erster Theatereindruck ist eine weiße Wand und ein leerer Schotterplatz. Erst dann sieht er das Theater. Auch das kann sich ändern. Wenn man nur will.

Ein Kind, ein Jugendlicher - welche Theatererlebnisse wurden dem vor rund 25 Jahren in und um Heilbronn geboten? „Götz von Berlichingen“ in Jagsthausen - ein absolutes Muß. Man las das Drama ja in der Schule - in verteilten Rollen. Da konnte und mußte jegliches Spektakel im Burghof nur besser sein. „Die Bürger von Calais“ oder „Jedermann“ auf den 54 Stufen in Schwäbisch Hall. Genickstarre vor Erhabenheit und der steilen Treppe. „Minna von Barnhelm“ und „Die Entführung aus dem Serail“ am Stuttgarter Staatstheater. Wer hätte das gedacht - erstaunlich, was Theater alles kann, mußte sich der kleine Provinzler sagen. Und dann das Heilbronner Bison-Provisorium im Gewerkschaftshaus - als Hausmannskost.

Ich muß es nochmals sagen: es ist heute noch eine Schande für Heilbronn, unter welchen Bedingungen dort Theater produziert und gespielt werden mußte. Ein Kultur-Markenzeichen der Wirtschaftswunder-Stadt Heilbronn. Und trotzdem gab es "Wallenstein" - beide Teile, die vielen Anouilh-Stücke, „Spitzenhäubchen und Arsenik“, sogar „My Fair Lady“, Shakespeare in Hülle und Fülle, Gerhart Hauptmann, Molière - auch Lessings "Nathan" auf einer Bühne, die keine Bühne war, in einem Theater, das eben nur ein Saal im Gewerkschaftshaus war. Aber es wurde dem jungen Menschen eine Menge an Theaterliteratur geboten - und das war immerhin besser als so manch langweiliges Reclamheft.

Einige von ihnen werden sich noch an „Hello Dolly“ mit Rotraud Grauer erinnern. Oder an Max Frisch „Biografie“ - mit Johanna Hanke. Damals sehr modern, zeitgenössisch. Zwei Schauspielerinnen aus jener Zeit um 1968/69, sie sind alten Theatergängern noch gut in Erinnerung. Und zu dieser Zeit kam auch eine junge Frau aus Krefeld ins Bison-Ensemble. Wenn ich mir ihr Paßbild von damals anschaue: recht modisch in Augenschminke und Haaren - es hätte in die Twiggy-Richtung gehen können. Das hatte man damals. Aber es kam dankenswerter Weise anders. Kraftvoller - und viel mehr Frau.

Da stand sie nun - auf der Bühne des Provisoriums im Gewerkschaftshaus. Ein Energiebündel mit einer eigentümlich preußischen Disziplin. Ein Vulkan, der nur gelegentlich Lava spuckte. Aber der aufmerksame Zuschauer sah das Leuchten der Glut in ihrer Mimik, in ihren Gesten, spürte das Zittern, das auf unterirdische Eruptionen hinwies. Und dann gab es - vor allem in Stücken von Gerhart Hauptmann und jetzt bei Bertolt Brecht - diese Erdverbundenheit, dieses Stehen mit beiden Beinen auf dem Boden einer brüchigen Realität. Und der Kopf, der war schon in den Wolken, beim Ach-so-Gut-sein-Wollen, und die Gefühle, die schwammen herum wie Brotstücke in der ärmlichen Suppe. Und wenn all das zusammengeschüttet war, im Chaos, dann gab es bei ihr, die wir heute ehren, diese Anklage gegen das Unrecht im Schicksal, gegen jene Götterwelt, die uns Menschen so unwürdig dahinkriechen läßt und uns gleichzeitig so erhöht - eine Anklage, die bei ihr nichts ist als ein stiller Schrei.

Ein stummer Schrei, der eigentlich in jedem Theatervorhang, in diesem ganzen Raum als Markenzeichen kleben muß.Und wie nah beieinander liegen ihre Werkzeuge im schaupielerischen Handwerkskasten: das Wirbeln und Tanzen wie ein Derwisch, die derbe, dann wieder lustvolle Freude am puren Spiel - „Laßt mich auch noch den Löwen spielen, Meister Squenz.“ Oder das laute völlig ungebundene Fröhlichsein, dann wieder das zarte Herantasten ans Gegenüber, das schroffe Abweisen und das kalte Sezieren beim Schutz der eigenen Persönlichkeit.

Sie zieht Register, die mich immer wieder zum Staunen bringen. Sie macht uns Lachen und erschreckt uns, erschüttert und bewegt uns. Aber sie lullt uns nicht ein.Wenn ich an ihre Schauspielkunst denke, dann schieben sich bei mir Konturen ihrer Kolleginnen Karin Schlemmer, Kirsten Dene und Anneliese Römer ins Bild. Viele Rollen, die sie hier in Heilbronn spielte, sah ich an anderen Theatern mit jenen Schauspielerinnen besetzt. Da ist Verwandtschaft. Mit dem Unterschied: sie - die wir heute ehren - kränkelt nicht so stark wie jene, ist weniger brüchig. Sie ist nicht blaß vor Gedankenschwermut.

Denn sie hat noch eine Prise Marika Röck in sich, die sie - wie der Baron Münchhausen - sich selber immer aus dem Sumpf ziehen läßt.Deshalb habe ich mich oft gefragt: hat diese Stadt, dieses Theater, dieses Publikum Ingrid Richter-Wendel überhaupt verdient? Sollte diese Frau ihren Mut, ihre Lebenslust und Lebensfreude, ihr Können nicht viel, viel mehr Leuten, Theaterenthusiasten und -liebhabern mitteilen müssen? Eine müßige Frage: Sie lebt und arbeitet hier - in dieser Stadt, an diesem Theater, mit diesem Publikum.

Und der Grund dafür: sie ist zu deutsch, sehr preußisch, treu - als Mutter ihrer Kinder, als sorgende Wirtschafterin ihres Haushaltes, als präzise Schauspielerin, die mit gelerntem Text bei der ersten Probe erscheint. Sie weist Tugenden auf und ist damit eine Schauspielerin, wie sie sich ein Intendant nur wünschen kann. Selber backen geht nicht. Also pfleglich behandeln.

Und deshalb hat diese Stadt, dieses Theater, dieses Publikum allen Grund, herzlich dankbar für Ingrid Richter-Wendel zu sein. Vor allem für ihre Interpretation der Mutter Courage, die eine Frau, eine Schauspielerin wie sie einfach spielen muß, weil sie eine Mutter Courage ist.

Und ich glaube auch, ja - ich weiß es: das Publikum, das Theater, die Stadt - wir alle, wir lieben Dich, Ingrid Richter-Wendel.

Und danken Dir dafür, daß Du in vorderster Front für den heißumkämpften Theatergedanken in Heilbronn durch Deine Leistung immer den Sieg errungen hast. Dieser Preis des Theatervereins sei Deine Trophäe aus dem unermüdlichen Kampf.

Stadttheater Heilbronn - am 26. Juni 1994
Theater-Verein Heilbronn e.V.

Stadtheater Heilbronn - Klaus Wagner, Intendant des Stadttheaters in Heilbronn (1987)


Portrait des Intendantes des Stadttheaters Heilbronn

Klaus Wagner verabscheut Hinterfotzigkeit

Von Jürgen Dieter Ueckert

„Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin.“ – Eine Sprichwort-Abwandlung, die als Motto auf dem Heilbronner  Theater-Intendanten Klaus Wagner durchaus zutreffen könnte. Denn er löckt nicht nur wider den Stachel, er benötigt die Unruhe wie der Fisch das Wasser zum Leben.

Das größte Unglück für Wagner wäre, „nichts tun zu können“. Und als Hauptcharakterzug erkennt er bei sich „Beharrungsvermögen“. Helden in der Wirklichkeit sind für ihn „alle Unbeirrbaren“, als Heldinnen in der Geschichte bezeichnet Wagner „die stolzen Gescheiterten“. Dem widerspricht auch nicht, dass er als natürliche Gabe „Menschenkenntnis“ besitzen möchte. Klaus Wagners Traum vom Glück ist „Wechsel mit immer neuer Intensität“. Und was wäre für den Heilbronner Intendanten das größte Unglück? Wagners lapidare Antwort: „Langeweile“.

Heilbronns Bürger und Stadtverwaltung kennen ihren Intendanten als einen Mann, der zumeist am schmalen Kraterrand seiner Theaterexistenz balancierend entlang wandert – zum Stauen und Wundern des gaffenden Publikums. Und sieht es mal so aus, als strauchle er, kippe ab in den allesverschlingenden Abgrund, begleitet von vielen „Ohs“ und Ahs“, dann wird eine akrobatische Figur gezaubert, teilweise mit einer clownesken Haltung garniert – und schon ist alles wieder im Lot.

Alle, die schon hofften, oder sich sogar wünschten, Klaus Wagner würde stürzen, sind ebenso erstaunt wie das ob Wagners Beweglichkeit begeisterte Publikum. In Heilbronn wird, wenn’s ums Theater geht, auf allen Ebenen gespielt.

Klaus Wagner, dessen Lieblingsfarbe „Weiß“ ist, der sich recht bescheiden „das Gänseblümchen“ zur Lieblingsblume erkor, der sich als Lieblingsschriftsteller Henry Miller wählte, deren Lieblingsnamen „Madeleine und Michael“ lauten, der „Tapferkeit“ zu seiner Lieblingstugend zählt – für diesen Mann gibt es selbstverständlich nur eine Lieblingsbeschäftigung: „Theater machen.“

In Frankfurt am Main wurde Klaus Wagner am 5.Mai 1930 als Sohn eines Kaufmanns, der „aus dem Nest gefallen war“, geboren. Aus dem Nest deshalb, weil der Vater aus einer Pfarrfamilie stammt. Als der kleine Klaus acht Jahre zählte, wurde der Vater von den Nazis abgeholt. „Eineinhalb Stunden ließ der Zwei-Zentner-Mann seine Schergen warten, um sich ordentlich anzuziehen und gut zu frühstücken. Der Vater wusste, dass es Jahre dauern würde, ehe er seine Familie wiedersehen würde. 1945 kam er aus dem Konzentrationslager zurück – der Mann wog noch fünfzig Kilo.“ – Unkontrollierte Macht ist Klaus Wagner seither ein Gräuel.

In Frankfurt lebte der Knabe Klaus nur eineinhalb Jahre. Die einzige Erinnerung an diese Zeit: eine Krankheitsgeschichte. Er litt ein dreiviertel Jahr an Kinderlähmung. Aufgewachsen ist Wagner dann in Trostberg, einer kleinen oberbayrischen Stadt am Chiemsee. Die Großeltern mütterlicherseits besaßen dort ein alteingesessenes Textilgeschäft. Die Mutter Klaus Wagners führte es nach dem Tod des Großvaters weiter.

An die Schulzeit erinnert sich der Fahrschüler Wagner, der allmorgendlich mit dem Zug nach Traunstein ins Gymnasium anreiste ins Gymnasium anreiste, mit dem Stichwort „Ausnahmesituation“. Da das Schulhaus im Krieg Lazarett war, wurde der Unterricht in Hinterzimmern von Gasthöfen angehalten. „Lernstress gab es nicht, nur das Phänomen, dass jemand nicht mitkam. Ich habe zum Beispiel die Pose gehabt, nicht von Mathematik zu verstehen. Wir hatten einen Lehrer, der uns das Fach als geistiges Phänomen begreifen ließ.“

Mit seinen Lehrern habe er überhaupt insgesamt Glück gehabt, erinnert sich Klaus Wagner heute. Fasziniert habe ihn immer wieder die „Begegnung mit Geist“ – Stichwort: „Parallelen treffen sich im unendlichen.“ Der katholische Geistliche, ein sommersprossiger, rothaariger und lispelnder Lehrer, „das Schlimmste für Kinder“, wurde mit „HJ-Gedanken“ bedroht: „Wenn er nicht macht, was uns gefällt, sagten wir Schüler, dann treten wir aus dem Fach Religion aus.“ Erfolg: Man lernt in den Religionsstunden das Hobby des Priesters kennen; die Sternwarte, das Fotografieren des Himmels, die Erklärung des Makrokosmos, den auseinanderbrechenden Raum.

Kriegszeit war für den Jugendlichen Klaus Wagner „Friedenszeit“ – ohne Bomben und Kriegsgräuel. Die Familie lebte im geistigen Widerstand zum Naziregime. Das Geschäft der Mutter wurde teilweise boykottiert, weil der Vater im KZ saß. Onkel Walter war Bankdirektor und „von kommunistischer Gesinnung“. Der Postbote, „Herr Sachs“, gehörte zur „kleinen Verschwörung“, trommelte bei den Wagners immer die ersten Takte der Fünften von Beethoven an die Haustür. Die Wagners waren eben anderer Meinung und hatten daher immer etwas zu verbergen – von der Nazi-Staatsgewalt.

„Mit elf Jahren spielte ich erstmals den Faust – mit fünf Pfund Schminke im Gesicht.“ Theater habe er gemacht und nebenbei sei er zur Schule gegangen. Clavigo und Egmont spielte schon der 16- und 17-jährige Klaus Wagner. Seine kleine Schüler-Schauspieltruppe trat vor den Nazis mit solchen Durchhaltestücken auf, die später von den Amis als Freiheitsdramen geboten wurden – und verdiente dabei eine Menge Geld. Viertausend Mark hatte die Wagner-Truppe erspielt und avancierte damit zum Wohltäter ihrer Schule, der man mit dem Geld eine Berghütte kaufte.

Nach dem Abitur im Jahre 1949 musste Klaus Wagner aus seinen Studienplatz in München warten. Drei Semester lang brachte er die Unibibliothek in Ordnung. Bei Arthur Kutscher studierte er dann Theaterwissenschaften – nebenbei auch noch Kunstgeschichte. Studienkollegen von Wagner in München waren Günter Gaus, August Everding und Peter Hacks – zum Beispiel. Gaus habe damals große politische Manifeste von sich gegeben. Die Studenten hätten in dieser Stunde Null gedacht, alles tue sich von selbst neu – „wir brauchen nichts tun“. Später sei man dann frustriert gewesen, weil nicht alles in der Nachkriegszeit so gelaufen sei, wie man es sich erdacht habe.

Klaus Wagner hielt es im Unibetrieb nicht lange aus. „Ich hatte eine brennende Energie; wollte raus und was tun.“ Staatsexamen und Promotion ließ er dahinfahren. Im Frankfurter „Theater im Zoo“ wurde er bei Fritz Rémond „Mädchen für alles“. Regieassistent, Inspizient und Kleindarsteller. Von 1951 bis 54 lernte Wagner in diesem Haus eine Theater-Atmosphäre kennen, in der nur die „zupackende Verbindung zwischen Theater und der Zuschauern“ zählte. Rémond brachte Schauspiel an die Leute, in dem das Flair zählte. Eine Aussage ohne theatralische  Mittel war eben keine – Punktum. Auch die negativen Seiten dieser Arbeit lernte Klaus Wagner kennen: „Aber im Rückblick ist mir das lieber als eine keimfreie Atmosphäre.“

Seit dem Jahre 1953 ist Klaus Wagner als Regisseur tätig: „Ich habe Rémond erpresst. Er war auf Sylt. Ich sagte ihm, wenn ich nicht inszenieren darf, dann gehe ich – sofort. Er sagte mir: wenn du bleibst darfst du inszenieren.“ Die erste Arbeit war eine deutsche Erstaufführung „Labyrinth“ – ein Stück über ein Irrenhaus. Und danach inszenierte er „furchtbar viel Shakespeare“ und mit Boy Gobert zum Beispiel „Einladung ins schloss“. Klaus Wagner wurde herumgereicht als junger und begabter Regisseur in Essen, Hamburg, Bern, Basel, Baden-Baden – und erhielt begehrte Kritiker-Preise.

In Bremen wurde er dann Oberspielleiter am Schauspiel und kündigte nach acht Monaten wegen eines Krachs mit dem Intendanten den Vertrag. In Bern dauerte das Engagement in gleicher Position von 1956 bis1958. 1954 schon begann Klaus Wagners Wanderzeit als Gastregisseur: „Das war Flucht. Das sucht man sich nicht aus.“ Seit 1959 inszeniert er Fernsehspiele.  Für „Das Betriebsfest“, das Wagner für den NDR gemacht hatte, erhielt er den begehrten Grimme-Preis. Später arbeitete er viel für den hessischen Rundfunk, den NDR, die Bavaria und das ZDF. „Ich habe das mit Professionalität gemacht. Und das war damals fürs Theater verdächtig.“ Theater und Fernsehen standen sich in jenen Jahren noch als feindliche Medien gegenüber.

„Ein Privatleben gab es in dieser Zeit kaum, wenn dann nur im Theater oder gar nicht.“ Kinder hat Klaus Wagner nicht. Verheiratet ist er mit der Schauspielerin Madeleine Lienhardt – in zweiter Ehe. Seine „private Häuslichkeit“ liegt im Hunsrück. „Ich konnte mir damals kein Hemd leisten, aber ein Haus musste es sein – ein 300 Jahre altes Weingut. Ich sehe den Bau gerne wachsen – und renovierte heute noch viel. Ein Stück Heimatlichkeit ist das – es kommt aus meinem Sternzeichen Stier und seiner Tendenz, das zu bewahren.“

Heilbronn war für Klaus Wagner ein Zufall. „Ich hatte betrieben, Intendant zu werden - Heilbronn war eine Möglichkeit. Gereizt haben mich die Voraussetzungen, die ja nicht berechenbar waren.“ Nach seiner Wahl durch den Gemeinderat der Stadt im Juli 1979 gab der frischgebackene Intendant Klaus Wagner in einem Interview zu Protokoll: „Bisher habe ich immer gesagt, ich habe die drei Wohnzimmer: das eine ist das Auto, das zweite ist das Café am Nachmittag und das dritte ist die Wirtschaft am Abend, in der man sitzt. Das wird jetzt anders werden. Darauf freue ich mich.“ Zu Hause in Heilbronn - das ist das Theater und eine kleine Wohnung, nahe dem Berliner Platz.

Nach rund zwei Jahren in den Heilbronner Theater-Provisorien „Gewerkschaftshaus“ und „Altre Kelter“, in denen Klaus Wagner schon vorstellte, was er im neuen Theaterbau am Berliner Platz verwirklichen  wollte, verwandelte der Intendant ab dem 16. November 1982 den Neubau in einen Hexenkessel. Er probierte alles aus, testete das Publikum auf seine Belastbarkeit – niemals attackierend, sondern umsichtig und vorsichtig bohrend. Sein Schlagwort: „Vielfalt und Überraschung.“ Der Aufbau des „Vollbetriebs“ war für Klaus Wagner Herausforderung – und wurde ein großer Erfolg.

Auch zurzeit befindet er sich wieder „in einer fast beneidenswerten Situation, von der man eher Angst haben muss, dass es auch so weitergeht.“ Die Abonnentenzahlen steigen, die Zuschauer reißen sich um Karten – die Abstimmung über den Erfolg findet für ihn allabendlich an der Theaterkasse statt, nicht in denn  Bürokraten- oder Kritikerstuben.
Eine „Grundvoraussetzung für den Erfolg“ ist für Wagner das funktionierende Schauspiel. Daran und an allen anderen Planungen arbeitet er mit dem kleinen Ensemble von knapp dreißig schauspielern – Tag und Nacht. Bei seinem Ensemble soll der Grundsatz gelten: Originalität und ihre Irritierbarkeit müssen Qualität erbringen, nicht die Gesichertheit engagiert zu sein. „Das heißt dann auch, wenn nach sieben Vorstellungen etwas nicht stimmt, dann lass ich das nicht durchgehen, sondern setze neue Proben an.“

Fehler entschuldigt der Intendant, wenn sie „aus Dummheit“ geschehen. Am meisten verabscheut er „Hinterfotzigkeit“. Geschichtliche Gestalten, „die nichts verkörpern als sich selbst“, verachtet er. „Geordnete Rückzüge“ sind militärische Leistungen, die Klaus Wagner am meisten bewundert. Das vollkommen irdische Glück für ihn „gibt es nicht, Gott sei Dank“. Seine Geistesverfassung derzeit ist „wach und tätig“. Und sein Motto lautet: „Weitermachen.“

Neckar-Express  - Donnerstag, 24. September 1987
Rhein-Neckar-Zeitung - Samstag, 26. September 1987

Stadttheater Heilbronn - Georg Hahn ist tot, einst Oberspielleiter (1986)

Georg Hahn ist tot, einst Oberspielleiter am Heilbronner Theater

Ein Regisseur des Verstandes

Von Jürgen Dieter Ueckert


Am 8. April 1986 starb Georg Hahn im Stuttgarter Vorort Heumaden. Der Schauspieler und Regisseur war von 1967 bis 1978 am Heilbronner Theater als Oberspielleiter für rund sechzig Regiearbeiten verant­wortlich - und war neben seiner Ehefrau, der Schauspielerin  Rotraut Grauer, auch eine der wesentlichen Stützen des Theaters im Provisorium des Gewerkschaftshauses - des Intendanten Walter Bison.

Georg Hahn war ein Theater­mann vom Scheitel bis zur Sohle. Aber er war kein Mann, den das Theater aufgefressen hatte. Distanz zum wabernden Alltags-Theatergeschehen ver­schaffte ihm sein klarer Ver­stand. Nicht das grummelnde Bauch-Theater war seine Sache, sondern die Intellektualität, das messerscharfe Aufdecken und Verdeutlichen des Dichterwor­tes war ihm oberste Verpflich­tung als Regisseur und Schau­spieler.

Mit Georg Hahn konnte man herrlich streiten, lautstark und hart Argumente austauschen - aber nachher bei einem Viertele in seiner geliebten Heilbronner Gaststätte ,,Zum Goldenen Lamm" wieder friedlich bei­einandersitzen. Georg Hahn - ein weitläufiger Schwabe, der seine Wurzeln nie vergaß, ja sie sorgsam pflegte - war ein Thea­termann, der seine Grundsätze bewußt in den zwanziger Jah­ren dieses Jahrhunderts des deutschen Theaters angesiedelt sah.

In Sulzbach an der Murr wurde Georg Hahn am 5. No­vember 1909 geboren; 1915 eingeschult; Besuch der Volks­schule in Sulzbach, der Real­schule in Backnang. Schon in der Schulzeit Mitarbeit an Theateraufführungen.  „Ich hatte einen sehr musischen Deutschlehrer, dem ich sehr viel verdanke. Ansonsten war meine Schulzeit weder eine glückliche noch unglückliche Zeit. Sie be­lastete mich nicht. Ich war im­mer mit mir zufrieden, wenn ich versetzt wurde."

Nach dem Einjährigen (heute: mittlere Reife) zwei Jahre als Volontär in einer Gerberei, da­nach ein Jahr Volontär als Kauf­mann in einer Schuhfabrik. Da­nach wieder zur „Penne": 1929 Abschluß (Hochschulreife) auf der Höheren Handelsschule. Anschließend Schauspielunter­richt in Stuttgart bei Roderich Arndt. 1931 Eleve am Stuttgar­ter Staatsschauspiel. Im glei­chen Jahr Schauspielprüfung.

1933 bis 1936 Württembergische Landesbühne Esslingen;1936/37 Staatstheater Stuttgart; 1937/38 Stadttheater Koblenz; 1938/39 wieder am Staatsthea­ter Stuttgart; 1939/40 Bayeri­sche Landesbühne München; November 1939 Fronttheater am Pfalztheater Kaiserslautern - bis zur sogenannten „ Goebbels- Spende“ (Schließung der deut­schen Theater); September 1944 bis zum Ende des Krieges Sol­dat; amerikanische Gefangen­schaft in Heilbronn. Kurzer Hahn-Kommentar: „Man wurde dabei sehr schlank. “

Ab Oktober 1945 wieder Kaisers­lautern; ab 1954 Stadttheater In­golstadt; von 1964 bis 1967 kommissarischer Leiter des Theaters (zuvor Oberspielleiter und Chefdramaturg); ab 1967 Oberspielleiter am Heilbronner Theater.

Georg Hahn stammt aus ei­nem alten württembergischen Geschlecht: pietistisch, demo­kratisch. Erinnerungen an ein Gespräch, das ich mit Georg Hahn im April 1978 führte. Der Vater war Vermessungsrat. Von den drei Geschwistern (ein Bruder und zwei Schwestern) ergriff keiner den Komödianten-Beruf.

Als Georg Hahn zehn Jahre alt war, stand für ihn der Berufswunsch schon fest. Er wollte zum Theater, ohne Theater je gesehen zu haben. - „Mein Va­ter war ein großer Schiller-Verehrer. Vielleicht erfüllte ich so­mit seinen heimlichen Wunsch. Auf jeden Fall war es für mich dann kein leichter Weg, von Sulzbach zum Theater. Aber, nachdem der Vater auch meinte, daß kein Weg daran vorbeiführe, legte er mir keine Prügel in den Weg."

Über die Ausbildung und die Anfängerjahre: „Ich kam mehr von der Dichtung zum Theater, durch das Lesen der Dramati­ker. Aber in der Ausbildung mußten wir die Klassiker studie­ren. Geliebt haben wir die Mo­derne, Wedekind, Hauptmann, Georg Kaiser, Sternheim. Wenn wir junge Leute Geld hatten, fuhren wir nach Berlin oder München und schauten uns dort neue Inszenierungen an. Unter den Regisseuren hat mich Feh­ling am meisten beeindruckt. Was er in seinen Inszenierun­gen geschaffen hatte, war für mich die Erfüllung des Thea­ters."   _

Begonnen hatte Georg Hahn im Schauspielberuf als jugendlicher Charakterspieler. Einige seiner Rollen: Gottfried Friede­born im „Käthchen", Spiegel­berg, den Wurm, Orest. - „Ich war nie rollenbesessen. Am An­fang habe ich natürlich alles ge­spielt, was ich spielen mußte. Aber nach sechs oder sieben Jahren sollte sich ein Schau­spieler selber hören, sollte wis­sen, was er kann oder nicht kann. In diesem Beruf sich selbst verwirklichen, wie ein Schlagwort heißt, das geht nicht, sondern man kann sich höchstens in der Rolle selbst verwirklichen. Ratschläge für einen Schauspieler - die kann man nur andeuten, nicht als Maxime mitgeben, wie es ei­nige Prominente gern versu­chen. “

Als Regisseur hatte sich Georg Hahn nie beworben. Er wurde mehr von seinen Kolle­gen dazu gedrängt. Die erste Regiearbeit leistete er 1939 am Freilichttheater Göppingen, dessen künstlerische Leitung er innehatte. In Ingolstadt und Kaiserslautern war er dann fast ausschließlich Regisseur: „Ich inszenierte eigentlich alles. Von mir bevorzugt wurden moderne Problemstücke, Hauptmann zum Beispiel. Intendanten, die wußten, was ich wollte, übertru­gen mir diese Stücke, andere, mit denen ich mich weniger ver­stand, gaben sie mir oft als Strafe. Die Erstaufführungen oder neuen Stücke gab man mir, weil man das Stück in sicheren Händen haben wollte."

Zur Inszenierungsarbeit: „Um den Gipfel einer Arbeit zu errei­chen, das kostet Mühe, Schweiß und Tränen. Meine Schauspie­ler haben mich oft während der Probenarbeit gehaßt, bei der Premiere war die Liebe dann wiederhergestellt. Ich teile das Theater in Lehrlings-, Ge­sellen- und Meistertheater ein. Wir in Heilbronn sind gezwun­gen, aus Lehrlingen Gesellen zu machen, und das ist schon eine ungeheure Aufgabe. Allergisch bin ich gegen alle Ideologien auf dem Theater. Wir haben die Pflicht, jede Richtung zur Dis­kussion zu stellen. Entscheiden soll dann das Publikum. Denk­prozesse können wir nicht vor­wegnehmen. Was der Dichter dem Publikum sagen will, soll gezeigt werden, nicht das, was die Theaterleute während der Pro­ben ins Stück hinein diskutie­ren."

Zur Heilbronner Theatersi­tuation 1978: „Als ich 1954 im Deutschhof Freilichttheater spielte, hieß es schon, daß ein neues Theater gebaut werde. Ich war in dieser Richtung nie ein Optimist. Und deshalb habe ich auch nichts mehr zum Theater-Neubau zu sagen. Ich hätte Heilbronn ein neues Theater gewünscht, dann wäre unsere Arbeit eine bessere geworden. Wir spielen hier im Gewerk­schaftshaus in einem Raum, der immer ein Zimmer ist. Was Re­gisseur und Bühnenbildner sich da ausknobeln müssen, um we­nigstens einigermaßen glaub­haft zu sein, und unter welchen Bedingungen Schauspieler ar­beiten müssen, ist kaum be­schreibbar.“

Jahre hindurch hatte die Frei­lichtbühne Neuenstadt am Kocher Georg Hahn als Regisseur verpflichtet. Erfahrungen mit dem Freilicht­theater hat er seit 1937, als er in Hall zum ersten Mal auf der Treppe stand. Von 1955 bis 1968 war er Stellvertreter von Wil­helm Speidel, dem unvergesse­nen Leiter der Freilichtspiele Schwäbisch Hall.

Zu den Freilicht­spielen: „Obwohl ich weiß, daß Freilichttheater grobes Theater ist, macht es mir Freude, wenn Laien begabt sind, sich mit die­sem Ur-Mimus auseinanderzu­setzen, die Laien ans Handwerk heranzuführen."

Georg Hahns einziges Hobby - außer Reisen, wenn er nicht mit dem Theater beschäftigt war: „Ich bin unglücklich, wenn man mir zu feierlichen Anlässen keine Bücher schenkt. Lesen, das ist meine Freizeitbeschäfti­gung." - Und dem Theater ver­dankt er, „daß es mich zwang, jung und lebendig zu bleiben. Jung bleibt man nur, wenn man mit jungen Leuten zu tun hat."

Einer der Leitsätze von Georg Hahn: „Ich bin immer unzufrie­den mit mir. Ich bewundere die Menschen, die rasch zufrieden sind." - Vor dem Tod hatte er keine Angst mehr. Er habe ihm zu oft ins Gesicht gesehen. Nun ist er sanft entschlafen, jener Mann, der in den sechziger und siebziger Jahren mit seinem großen handwerklichen Können das Heilbronner Theaterleben aufrechterhielt.

Neckar-Express - Rhein-Neckar-Zeitung - 12. April 1986