Samstag, 29. März 2014

Stadtheater Heilbronn - Klaus Wagner, Intendant des Stadttheaters in Heilbronn (1987)


Portrait des Intendantes des Stadttheaters Heilbronn

Klaus Wagner verabscheut Hinterfotzigkeit

Von Jürgen Dieter Ueckert

„Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin.“ – Eine Sprichwort-Abwandlung, die als Motto auf dem Heilbronner  Theater-Intendanten Klaus Wagner durchaus zutreffen könnte. Denn er löckt nicht nur wider den Stachel, er benötigt die Unruhe wie der Fisch das Wasser zum Leben.

Das größte Unglück für Wagner wäre, „nichts tun zu können“. Und als Hauptcharakterzug erkennt er bei sich „Beharrungsvermögen“. Helden in der Wirklichkeit sind für ihn „alle Unbeirrbaren“, als Heldinnen in der Geschichte bezeichnet Wagner „die stolzen Gescheiterten“. Dem widerspricht auch nicht, dass er als natürliche Gabe „Menschenkenntnis“ besitzen möchte. Klaus Wagners Traum vom Glück ist „Wechsel mit immer neuer Intensität“. Und was wäre für den Heilbronner Intendanten das größte Unglück? Wagners lapidare Antwort: „Langeweile“.

Heilbronns Bürger und Stadtverwaltung kennen ihren Intendanten als einen Mann, der zumeist am schmalen Kraterrand seiner Theaterexistenz balancierend entlang wandert – zum Stauen und Wundern des gaffenden Publikums. Und sieht es mal so aus, als strauchle er, kippe ab in den allesverschlingenden Abgrund, begleitet von vielen „Ohs“ und Ahs“, dann wird eine akrobatische Figur gezaubert, teilweise mit einer clownesken Haltung garniert – und schon ist alles wieder im Lot.

Alle, die schon hofften, oder sich sogar wünschten, Klaus Wagner würde stürzen, sind ebenso erstaunt wie das ob Wagners Beweglichkeit begeisterte Publikum. In Heilbronn wird, wenn’s ums Theater geht, auf allen Ebenen gespielt.

Klaus Wagner, dessen Lieblingsfarbe „Weiß“ ist, der sich recht bescheiden „das Gänseblümchen“ zur Lieblingsblume erkor, der sich als Lieblingsschriftsteller Henry Miller wählte, deren Lieblingsnamen „Madeleine und Michael“ lauten, der „Tapferkeit“ zu seiner Lieblingstugend zählt – für diesen Mann gibt es selbstverständlich nur eine Lieblingsbeschäftigung: „Theater machen.“

In Frankfurt am Main wurde Klaus Wagner am 5.Mai 1930 als Sohn eines Kaufmanns, der „aus dem Nest gefallen war“, geboren. Aus dem Nest deshalb, weil der Vater aus einer Pfarrfamilie stammt. Als der kleine Klaus acht Jahre zählte, wurde der Vater von den Nazis abgeholt. „Eineinhalb Stunden ließ der Zwei-Zentner-Mann seine Schergen warten, um sich ordentlich anzuziehen und gut zu frühstücken. Der Vater wusste, dass es Jahre dauern würde, ehe er seine Familie wiedersehen würde. 1945 kam er aus dem Konzentrationslager zurück – der Mann wog noch fünfzig Kilo.“ – Unkontrollierte Macht ist Klaus Wagner seither ein Gräuel.

In Frankfurt lebte der Knabe Klaus nur eineinhalb Jahre. Die einzige Erinnerung an diese Zeit: eine Krankheitsgeschichte. Er litt ein dreiviertel Jahr an Kinderlähmung. Aufgewachsen ist Wagner dann in Trostberg, einer kleinen oberbayrischen Stadt am Chiemsee. Die Großeltern mütterlicherseits besaßen dort ein alteingesessenes Textilgeschäft. Die Mutter Klaus Wagners führte es nach dem Tod des Großvaters weiter.

An die Schulzeit erinnert sich der Fahrschüler Wagner, der allmorgendlich mit dem Zug nach Traunstein ins Gymnasium anreiste ins Gymnasium anreiste, mit dem Stichwort „Ausnahmesituation“. Da das Schulhaus im Krieg Lazarett war, wurde der Unterricht in Hinterzimmern von Gasthöfen angehalten. „Lernstress gab es nicht, nur das Phänomen, dass jemand nicht mitkam. Ich habe zum Beispiel die Pose gehabt, nicht von Mathematik zu verstehen. Wir hatten einen Lehrer, der uns das Fach als geistiges Phänomen begreifen ließ.“

Mit seinen Lehrern habe er überhaupt insgesamt Glück gehabt, erinnert sich Klaus Wagner heute. Fasziniert habe ihn immer wieder die „Begegnung mit Geist“ – Stichwort: „Parallelen treffen sich im unendlichen.“ Der katholische Geistliche, ein sommersprossiger, rothaariger und lispelnder Lehrer, „das Schlimmste für Kinder“, wurde mit „HJ-Gedanken“ bedroht: „Wenn er nicht macht, was uns gefällt, sagten wir Schüler, dann treten wir aus dem Fach Religion aus.“ Erfolg: Man lernt in den Religionsstunden das Hobby des Priesters kennen; die Sternwarte, das Fotografieren des Himmels, die Erklärung des Makrokosmos, den auseinanderbrechenden Raum.

Kriegszeit war für den Jugendlichen Klaus Wagner „Friedenszeit“ – ohne Bomben und Kriegsgräuel. Die Familie lebte im geistigen Widerstand zum Naziregime. Das Geschäft der Mutter wurde teilweise boykottiert, weil der Vater im KZ saß. Onkel Walter war Bankdirektor und „von kommunistischer Gesinnung“. Der Postbote, „Herr Sachs“, gehörte zur „kleinen Verschwörung“, trommelte bei den Wagners immer die ersten Takte der Fünften von Beethoven an die Haustür. Die Wagners waren eben anderer Meinung und hatten daher immer etwas zu verbergen – von der Nazi-Staatsgewalt.

„Mit elf Jahren spielte ich erstmals den Faust – mit fünf Pfund Schminke im Gesicht.“ Theater habe er gemacht und nebenbei sei er zur Schule gegangen. Clavigo und Egmont spielte schon der 16- und 17-jährige Klaus Wagner. Seine kleine Schüler-Schauspieltruppe trat vor den Nazis mit solchen Durchhaltestücken auf, die später von den Amis als Freiheitsdramen geboten wurden – und verdiente dabei eine Menge Geld. Viertausend Mark hatte die Wagner-Truppe erspielt und avancierte damit zum Wohltäter ihrer Schule, der man mit dem Geld eine Berghütte kaufte.

Nach dem Abitur im Jahre 1949 musste Klaus Wagner aus seinen Studienplatz in München warten. Drei Semester lang brachte er die Unibibliothek in Ordnung. Bei Arthur Kutscher studierte er dann Theaterwissenschaften – nebenbei auch noch Kunstgeschichte. Studienkollegen von Wagner in München waren Günter Gaus, August Everding und Peter Hacks – zum Beispiel. Gaus habe damals große politische Manifeste von sich gegeben. Die Studenten hätten in dieser Stunde Null gedacht, alles tue sich von selbst neu – „wir brauchen nichts tun“. Später sei man dann frustriert gewesen, weil nicht alles in der Nachkriegszeit so gelaufen sei, wie man es sich erdacht habe.

Klaus Wagner hielt es im Unibetrieb nicht lange aus. „Ich hatte eine brennende Energie; wollte raus und was tun.“ Staatsexamen und Promotion ließ er dahinfahren. Im Frankfurter „Theater im Zoo“ wurde er bei Fritz Rémond „Mädchen für alles“. Regieassistent, Inspizient und Kleindarsteller. Von 1951 bis 54 lernte Wagner in diesem Haus eine Theater-Atmosphäre kennen, in der nur die „zupackende Verbindung zwischen Theater und der Zuschauern“ zählte. Rémond brachte Schauspiel an die Leute, in dem das Flair zählte. Eine Aussage ohne theatralische  Mittel war eben keine – Punktum. Auch die negativen Seiten dieser Arbeit lernte Klaus Wagner kennen: „Aber im Rückblick ist mir das lieber als eine keimfreie Atmosphäre.“

Seit dem Jahre 1953 ist Klaus Wagner als Regisseur tätig: „Ich habe Rémond erpresst. Er war auf Sylt. Ich sagte ihm, wenn ich nicht inszenieren darf, dann gehe ich – sofort. Er sagte mir: wenn du bleibst darfst du inszenieren.“ Die erste Arbeit war eine deutsche Erstaufführung „Labyrinth“ – ein Stück über ein Irrenhaus. Und danach inszenierte er „furchtbar viel Shakespeare“ und mit Boy Gobert zum Beispiel „Einladung ins schloss“. Klaus Wagner wurde herumgereicht als junger und begabter Regisseur in Essen, Hamburg, Bern, Basel, Baden-Baden – und erhielt begehrte Kritiker-Preise.

In Bremen wurde er dann Oberspielleiter am Schauspiel und kündigte nach acht Monaten wegen eines Krachs mit dem Intendanten den Vertrag. In Bern dauerte das Engagement in gleicher Position von 1956 bis1958. 1954 schon begann Klaus Wagners Wanderzeit als Gastregisseur: „Das war Flucht. Das sucht man sich nicht aus.“ Seit 1959 inszeniert er Fernsehspiele.  Für „Das Betriebsfest“, das Wagner für den NDR gemacht hatte, erhielt er den begehrten Grimme-Preis. Später arbeitete er viel für den hessischen Rundfunk, den NDR, die Bavaria und das ZDF. „Ich habe das mit Professionalität gemacht. Und das war damals fürs Theater verdächtig.“ Theater und Fernsehen standen sich in jenen Jahren noch als feindliche Medien gegenüber.

„Ein Privatleben gab es in dieser Zeit kaum, wenn dann nur im Theater oder gar nicht.“ Kinder hat Klaus Wagner nicht. Verheiratet ist er mit der Schauspielerin Madeleine Lienhardt – in zweiter Ehe. Seine „private Häuslichkeit“ liegt im Hunsrück. „Ich konnte mir damals kein Hemd leisten, aber ein Haus musste es sein – ein 300 Jahre altes Weingut. Ich sehe den Bau gerne wachsen – und renovierte heute noch viel. Ein Stück Heimatlichkeit ist das – es kommt aus meinem Sternzeichen Stier und seiner Tendenz, das zu bewahren.“

Heilbronn war für Klaus Wagner ein Zufall. „Ich hatte betrieben, Intendant zu werden - Heilbronn war eine Möglichkeit. Gereizt haben mich die Voraussetzungen, die ja nicht berechenbar waren.“ Nach seiner Wahl durch den Gemeinderat der Stadt im Juli 1979 gab der frischgebackene Intendant Klaus Wagner in einem Interview zu Protokoll: „Bisher habe ich immer gesagt, ich habe die drei Wohnzimmer: das eine ist das Auto, das zweite ist das Café am Nachmittag und das dritte ist die Wirtschaft am Abend, in der man sitzt. Das wird jetzt anders werden. Darauf freue ich mich.“ Zu Hause in Heilbronn - das ist das Theater und eine kleine Wohnung, nahe dem Berliner Platz.

Nach rund zwei Jahren in den Heilbronner Theater-Provisorien „Gewerkschaftshaus“ und „Altre Kelter“, in denen Klaus Wagner schon vorstellte, was er im neuen Theaterbau am Berliner Platz verwirklichen  wollte, verwandelte der Intendant ab dem 16. November 1982 den Neubau in einen Hexenkessel. Er probierte alles aus, testete das Publikum auf seine Belastbarkeit – niemals attackierend, sondern umsichtig und vorsichtig bohrend. Sein Schlagwort: „Vielfalt und Überraschung.“ Der Aufbau des „Vollbetriebs“ war für Klaus Wagner Herausforderung – und wurde ein großer Erfolg.

Auch zurzeit befindet er sich wieder „in einer fast beneidenswerten Situation, von der man eher Angst haben muss, dass es auch so weitergeht.“ Die Abonnentenzahlen steigen, die Zuschauer reißen sich um Karten – die Abstimmung über den Erfolg findet für ihn allabendlich an der Theaterkasse statt, nicht in denn  Bürokraten- oder Kritikerstuben.
Eine „Grundvoraussetzung für den Erfolg“ ist für Wagner das funktionierende Schauspiel. Daran und an allen anderen Planungen arbeitet er mit dem kleinen Ensemble von knapp dreißig schauspielern – Tag und Nacht. Bei seinem Ensemble soll der Grundsatz gelten: Originalität und ihre Irritierbarkeit müssen Qualität erbringen, nicht die Gesichertheit engagiert zu sein. „Das heißt dann auch, wenn nach sieben Vorstellungen etwas nicht stimmt, dann lass ich das nicht durchgehen, sondern setze neue Proben an.“

Fehler entschuldigt der Intendant, wenn sie „aus Dummheit“ geschehen. Am meisten verabscheut er „Hinterfotzigkeit“. Geschichtliche Gestalten, „die nichts verkörpern als sich selbst“, verachtet er. „Geordnete Rückzüge“ sind militärische Leistungen, die Klaus Wagner am meisten bewundert. Das vollkommen irdische Glück für ihn „gibt es nicht, Gott sei Dank“. Seine Geistesverfassung derzeit ist „wach und tätig“. Und sein Motto lautet: „Weitermachen.“

Neckar-Express  - Donnerstag, 24. September 1987
Rhein-Neckar-Zeitung - Samstag, 26. September 1987

Stadttheater Heilbronn - Georg Hahn ist tot, einst Oberspielleiter (1986)

Georg Hahn ist tot, einst Oberspielleiter am Heilbronner Theater

Ein Regisseur des Verstandes

Von Jürgen Dieter Ueckert


Am 8. April 1986 starb Georg Hahn im Stuttgarter Vorort Heumaden. Der Schauspieler und Regisseur war von 1967 bis 1978 am Heilbronner Theater als Oberspielleiter für rund sechzig Regiearbeiten verant­wortlich - und war neben seiner Ehefrau, der Schauspielerin  Rotraut Grauer, auch eine der wesentlichen Stützen des Theaters im Provisorium des Gewerkschaftshauses - des Intendanten Walter Bison.

Georg Hahn war ein Theater­mann vom Scheitel bis zur Sohle. Aber er war kein Mann, den das Theater aufgefressen hatte. Distanz zum wabernden Alltags-Theatergeschehen ver­schaffte ihm sein klarer Ver­stand. Nicht das grummelnde Bauch-Theater war seine Sache, sondern die Intellektualität, das messerscharfe Aufdecken und Verdeutlichen des Dichterwor­tes war ihm oberste Verpflich­tung als Regisseur und Schau­spieler.

Mit Georg Hahn konnte man herrlich streiten, lautstark und hart Argumente austauschen - aber nachher bei einem Viertele in seiner geliebten Heilbronner Gaststätte ,,Zum Goldenen Lamm" wieder friedlich bei­einandersitzen. Georg Hahn - ein weitläufiger Schwabe, der seine Wurzeln nie vergaß, ja sie sorgsam pflegte - war ein Thea­termann, der seine Grundsätze bewußt in den zwanziger Jah­ren dieses Jahrhunderts des deutschen Theaters angesiedelt sah.

In Sulzbach an der Murr wurde Georg Hahn am 5. No­vember 1909 geboren; 1915 eingeschult; Besuch der Volks­schule in Sulzbach, der Real­schule in Backnang. Schon in der Schulzeit Mitarbeit an Theateraufführungen.  „Ich hatte einen sehr musischen Deutschlehrer, dem ich sehr viel verdanke. Ansonsten war meine Schulzeit weder eine glückliche noch unglückliche Zeit. Sie be­lastete mich nicht. Ich war im­mer mit mir zufrieden, wenn ich versetzt wurde."

Nach dem Einjährigen (heute: mittlere Reife) zwei Jahre als Volontär in einer Gerberei, da­nach ein Jahr Volontär als Kauf­mann in einer Schuhfabrik. Da­nach wieder zur „Penne": 1929 Abschluß (Hochschulreife) auf der Höheren Handelsschule. Anschließend Schauspielunter­richt in Stuttgart bei Roderich Arndt. 1931 Eleve am Stuttgar­ter Staatsschauspiel. Im glei­chen Jahr Schauspielprüfung.

1933 bis 1936 Württembergische Landesbühne Esslingen;1936/37 Staatstheater Stuttgart; 1937/38 Stadttheater Koblenz; 1938/39 wieder am Staatsthea­ter Stuttgart; 1939/40 Bayeri­sche Landesbühne München; November 1939 Fronttheater am Pfalztheater Kaiserslautern - bis zur sogenannten „ Goebbels- Spende“ (Schließung der deut­schen Theater); September 1944 bis zum Ende des Krieges Sol­dat; amerikanische Gefangen­schaft in Heilbronn. Kurzer Hahn-Kommentar: „Man wurde dabei sehr schlank. “

Ab Oktober 1945 wieder Kaisers­lautern; ab 1954 Stadttheater In­golstadt; von 1964 bis 1967 kommissarischer Leiter des Theaters (zuvor Oberspielleiter und Chefdramaturg); ab 1967 Oberspielleiter am Heilbronner Theater.

Georg Hahn stammt aus ei­nem alten württembergischen Geschlecht: pietistisch, demo­kratisch. Erinnerungen an ein Gespräch, das ich mit Georg Hahn im April 1978 führte. Der Vater war Vermessungsrat. Von den drei Geschwistern (ein Bruder und zwei Schwestern) ergriff keiner den Komödianten-Beruf.

Als Georg Hahn zehn Jahre alt war, stand für ihn der Berufswunsch schon fest. Er wollte zum Theater, ohne Theater je gesehen zu haben. - „Mein Va­ter war ein großer Schiller-Verehrer. Vielleicht erfüllte ich so­mit seinen heimlichen Wunsch. Auf jeden Fall war es für mich dann kein leichter Weg, von Sulzbach zum Theater. Aber, nachdem der Vater auch meinte, daß kein Weg daran vorbeiführe, legte er mir keine Prügel in den Weg."

Über die Ausbildung und die Anfängerjahre: „Ich kam mehr von der Dichtung zum Theater, durch das Lesen der Dramati­ker. Aber in der Ausbildung mußten wir die Klassiker studie­ren. Geliebt haben wir die Mo­derne, Wedekind, Hauptmann, Georg Kaiser, Sternheim. Wenn wir junge Leute Geld hatten, fuhren wir nach Berlin oder München und schauten uns dort neue Inszenierungen an. Unter den Regisseuren hat mich Feh­ling am meisten beeindruckt. Was er in seinen Inszenierun­gen geschaffen hatte, war für mich die Erfüllung des Thea­ters."   _

Begonnen hatte Georg Hahn im Schauspielberuf als jugendlicher Charakterspieler. Einige seiner Rollen: Gottfried Friede­born im „Käthchen", Spiegel­berg, den Wurm, Orest. - „Ich war nie rollenbesessen. Am An­fang habe ich natürlich alles ge­spielt, was ich spielen mußte. Aber nach sechs oder sieben Jahren sollte sich ein Schau­spieler selber hören, sollte wis­sen, was er kann oder nicht kann. In diesem Beruf sich selbst verwirklichen, wie ein Schlagwort heißt, das geht nicht, sondern man kann sich höchstens in der Rolle selbst verwirklichen. Ratschläge für einen Schauspieler - die kann man nur andeuten, nicht als Maxime mitgeben, wie es ei­nige Prominente gern versu­chen. “

Als Regisseur hatte sich Georg Hahn nie beworben. Er wurde mehr von seinen Kolle­gen dazu gedrängt. Die erste Regiearbeit leistete er 1939 am Freilichttheater Göppingen, dessen künstlerische Leitung er innehatte. In Ingolstadt und Kaiserslautern war er dann fast ausschließlich Regisseur: „Ich inszenierte eigentlich alles. Von mir bevorzugt wurden moderne Problemstücke, Hauptmann zum Beispiel. Intendanten, die wußten, was ich wollte, übertru­gen mir diese Stücke, andere, mit denen ich mich weniger ver­stand, gaben sie mir oft als Strafe. Die Erstaufführungen oder neuen Stücke gab man mir, weil man das Stück in sicheren Händen haben wollte."

Zur Inszenierungsarbeit: „Um den Gipfel einer Arbeit zu errei­chen, das kostet Mühe, Schweiß und Tränen. Meine Schauspie­ler haben mich oft während der Probenarbeit gehaßt, bei der Premiere war die Liebe dann wiederhergestellt. Ich teile das Theater in Lehrlings-, Ge­sellen- und Meistertheater ein. Wir in Heilbronn sind gezwun­gen, aus Lehrlingen Gesellen zu machen, und das ist schon eine ungeheure Aufgabe. Allergisch bin ich gegen alle Ideologien auf dem Theater. Wir haben die Pflicht, jede Richtung zur Dis­kussion zu stellen. Entscheiden soll dann das Publikum. Denk­prozesse können wir nicht vor­wegnehmen. Was der Dichter dem Publikum sagen will, soll gezeigt werden, nicht das, was die Theaterleute während der Pro­ben ins Stück hinein diskutie­ren."

Zur Heilbronner Theatersi­tuation 1978: „Als ich 1954 im Deutschhof Freilichttheater spielte, hieß es schon, daß ein neues Theater gebaut werde. Ich war in dieser Richtung nie ein Optimist. Und deshalb habe ich auch nichts mehr zum Theater-Neubau zu sagen. Ich hätte Heilbronn ein neues Theater gewünscht, dann wäre unsere Arbeit eine bessere geworden. Wir spielen hier im Gewerk­schaftshaus in einem Raum, der immer ein Zimmer ist. Was Re­gisseur und Bühnenbildner sich da ausknobeln müssen, um we­nigstens einigermaßen glaub­haft zu sein, und unter welchen Bedingungen Schauspieler ar­beiten müssen, ist kaum be­schreibbar.“

Jahre hindurch hatte die Frei­lichtbühne Neuenstadt am Kocher Georg Hahn als Regisseur verpflichtet. Erfahrungen mit dem Freilicht­theater hat er seit 1937, als er in Hall zum ersten Mal auf der Treppe stand. Von 1955 bis 1968 war er Stellvertreter von Wil­helm Speidel, dem unvergesse­nen Leiter der Freilichtspiele Schwäbisch Hall.

Zu den Freilicht­spielen: „Obwohl ich weiß, daß Freilichttheater grobes Theater ist, macht es mir Freude, wenn Laien begabt sind, sich mit die­sem Ur-Mimus auseinanderzu­setzen, die Laien ans Handwerk heranzuführen."

Georg Hahns einziges Hobby - außer Reisen, wenn er nicht mit dem Theater beschäftigt war: „Ich bin unglücklich, wenn man mir zu feierlichen Anlässen keine Bücher schenkt. Lesen, das ist meine Freizeitbeschäfti­gung." - Und dem Theater ver­dankt er, „daß es mich zwang, jung und lebendig zu bleiben. Jung bleibt man nur, wenn man mit jungen Leuten zu tun hat."

Einer der Leitsätze von Georg Hahn: „Ich bin immer unzufrie­den mit mir. Ich bewundere die Menschen, die rasch zufrieden sind." - Vor dem Tod hatte er keine Angst mehr. Er habe ihm zu oft ins Gesicht gesehen. Nun ist er sanft entschlafen, jener Mann, der in den sechziger und siebziger Jahren mit seinem großen handwerklichen Können das Heilbronner Theaterleben aufrechterhielt.

Neckar-Express - Rhein-Neckar-Zeitung - 12. April 1986

Mittwoch, 19. Februar 2014

Stadttheater Heilbronn - Portraits - Walter Bison ist tot - Theater-Intendant a. D. (1985)

Am 14. April 1985 starb Heilbronns Theater-Intendant Walter Bison
Kantiger und hartnäckiger Mensch 
mit Standvermögen

Von Jürgen Dieter Ueckert

Die 26jährige Amtszeit des Intendanten Walter Bison am Heilbronner Theater war in der Spielzeit 1979/80 zu Ende gegangen. Der Intendantenwechsel von Bison zu Klaus Wagner wurde im August 1980 vollzogen – nicht gerade formvollendet. Am 14. April 1985, knapp fünf Jahre nach dem Amtswechsel, starb Walter Bison. Mit ihm verließ ein Mann die „Stadt der Krämerseelen“, der nahezu drei Jahrzehnte Theater-Leben und -Geschehen mitgeprägt und mitentscheiden hatte.

Die Stadt des Kleistschen Käthchens verliert einen Theater-Intendanten, vom dem immer im Zusammenhang mit dem Wörtchen „Provisorium“ gesprochen wurde. Walter Bison, ein Intendant eines Theaterzustandes, den niemand wollte, aber den die Stadtväter, -mütter und -bürger ertragen und geduldet hatten. Das Heilbronner Theater – ein Institut, so der neue Intendant Klaus Wagner, das in der Provisoriums-Zeit nur nötig gehabt habe, „zu funktionieren, um geduldet zu sein“.

„Der talentvolle junge Lübecker“ – so hatte einst das Wochenmagazin Der Spiegel in seiner Nummer 35 des ersten Jahrgangs anno 1947 lobend über Walter Bison in einer Theaterkritik geschrieben. In jenem Jahr zählte der am 25. Juli 1913 in Düsseldorf geborene Walter Bison allerdings schon 34 Jahre.

In Lübeck war der Sohn eines Oberingenieurs ausgewachsen. 1932 hatte er dort sein Abitur bestanden, absolvierte danach eine dreijährige Lehre als Kaufmann, nahm nebenher noch Schauspielunterricht und hatte im Frühjahr 1935 sowohl die kaufmännische als auch die Schauspieler-Abschlussprüfung bestanden. Eine Verknüpfung von Geschäft und Kunst, die vor allem wieder in der Heilbronner Zeit von Bison mit Liebe gepflegt werden sollte.

Das erste Engagement als Schauspieler führte ihn ans Grenzlandtheater Flensburg. Über Stralsund und Görlitz kam er 1937 ans Staatstheater in Danzig. Ab 1940 kämpfte er als Soldat im Zeiten Weltkrieg. Im Herbst 1945 konnte er wieder in seine Heimat zurückkehren. Auf den Brettern des Stadttheaters Lübeck spielte Bison ab Oktober 1945 wieder. Im gleichen Jahr ging er zur „Jungen Bühne“ nach Hamburg. 1948, als Walter Bison seine erste Spielleiter-Stelle am Staatstheater in Kassel antrat, stand er im 35. Lebensjahr. Bison gehört somit zu jener Generation, die im Dritten Reich das Rüstzeug für das Theaterspielen mitbekam. In einer politischen Wende-Landschaft, in der das Theater sehr schnell gleichgeschaltet war.

Der „Bruch“ nach dem Krieg für diese Generation von Theater-Leuten war total. Ihnen fehlte das Erleben der geistig wilden zwanziger Jahren in Deutschland. Eine völlig neue Ära deutscher Theaterkultur begann im Nachkriegsdeutschland für diese schon „alten“ jungen Menschen. Die zweite Karriere des Walter Bison begann 1949 als Oberspielleiter des Schauspiels am Stadttheater Hildesheim. Drei Jahre später kam er in der gleichen Position an Landestheater Tübingen. Und 1954 begann seine „lange Spielzeit“ in Heilbronn.

Ein festes Ensemble existierte damals noch nicht. Stückverträge waren an der Tagesordnung. Man spielte viel: Operette, Schauspiel – nebst Balletteinlagen, die in die Inszenierungen „geschmuggelt“ wurden. Aber diese Vielfalt gab es nur anfangs; später existierte nur noch das reine Schauspiel auf der Provisoriums-Bühne im Heilbronner Gewerkschaftshaus.

Der Zuschuss fürs Theater betrug im Jahr 1954 noch 50.000 Mark pro Spielzeit. Am Ende von Walter Bisons Amtszeit war er auf 1,5 Millionen angewachsen. Das feste Ensemble wurde 1958 Bestandteil des Provisoriums. Zur Spielzeit 1956/57 ernannte man Bison zum Intendanten. Ein Titel für den vom Erfolg verwöhnten, der Beginn einer Karriere des „Intendanten“ Walter Bison in deutschen Theatern? Mitnichten; er regierte in Heilbronn das Theater als Adenauer die Bundesrepublik.

Ein Mann der großen Ausdauer. Geschäftsführer wurde der „Kaufmann Bison“ mit Beginn der Spielzeit 1968/69 – als das Heilbronner Theater die Rechtsform einer „Gesellschaft mit beschränkter Haftung“ erhalten hatte. – Walter Bison, der Regisseur inszenierte 160 Stücke und spielte in über 80 Inszenierungen tragende Rollen – zumeist in eigener Rolle. Seine letzte Hauptrolle in Heilbronn: der Schriftstellern und Nobelpreisträger Wolfgang Schwitter in Friedrich Dürrenmatt „Der Meteor“. Ein Stück mit dem Schlusswort „Wann krepiere ich denn endlich?“ – die letzten Worte des Schauspielers Bison auf den Heilbronner Theater-Brettern.

Beherrschende Rollen in der Theater-Literatur stellte Walter Bison mit Vorliebe auf der Bühne dar. Den „König Lear“ Shakespeares, den „Nathan“ Lessings, den Philipp in Schillers „Don Carlos“, den General Harras in Zuckmayers „Des Teufels General“ oder den Kreon – aber in Anouilhs „Antigone“. Und er wagte sich auch an Schillers „Wallenstein“ und Brechts „Puntila“. Bison wollte in seiner Charakterisierungskunst „Menschen“ auf die Bühne stellen.

Ein Mann der Verweigerung war Walter Bison. Eine Studiobühne, hervorgerufen durch eine Privatinitiative in den sechziger Jahren, vom Heilbronner Theater dann übernommen – und das auch nicht ganz freiwillig – existiert zum Ende seiner Amtszeit nicht mehr. Der Intendant wollte sie nicht. Wegen des zu kleinen Ensembles, der miserablen Räumlichkeiten des „Studios“ in der Stadthalle Harmonie.

Kindertheater - dagegen sträubte sich Walter Bison lange. Für ihn war es im Gewerkschaftshaus nicht herstellbar. Aber schließlich spielte sein Heilbronner Theater zweimal pro Spielzeit ein Kinderstück.

Für Walter Bison musste etwas reifen. Dem Prinzipal musste gezeigt werden, dass die neuen Aspekte auch gut für sein Theater sind. Seine Skepsis überwog in den meisten Fällen. Er hatte schließlich schlechte Erfahrungen gemacht. Ihm war von der Stadt Heilbronn ein neues Haus, ein Millionen-Theater-Neubau versprochen worden – jahrzehntelang. Er wollte deshalb die Stätte im Gewerkschaftshaus als Provisorium belassen, um die Notwendigkeit des Neubaus aufzuzeigen.

Aber Stadträte und Bürgermeister kümmerten sich mehrheitlich wenig um den mahnend erhobenen, oft moralisierenden Fingerzeig des Intendanten. Wenn es in der Gartenstraße Heilbronns mit dem „Theaterle“ geht – und dank Bison lief der Laden - , wozu dann in Hetze einen Neubau beschließen. Man zeterte und zankte übers Theater im Heilbronner Gemeinderat mehr als zwanzig Jahre. Und man stritt besonders heftig, als die Bison-Ära schon ins dritte Jahrzehnt ging.


Eine Bilanz der Erfolglosigkeit für den Intendanten? Bison, der beharrlich für das Theater am Berliner Platz – den Grübner-Münter-Entwurf – gestritten hatte, war erfolgreich in seinem Kampf. Aber der „Vierteljahrhundert-Intendant“ Bison konnte in dem Neubau weder inszenieren noch als Schauspieler auftreten – nachdem dieser Bau im Herbst 1982 eingeweiht worden war. Das hat ihm mehr zu schaffen gemacht - als er zugeben wollte.

Zusammen mit seinem Mitstreiter, dem ehemaligen Kulturdezernenten Erwin Fuchs, verabscheute Walter Bison Kompromisse in Fragen des Theaterbaus. Den Heilbronnern wünschte er – falls seine Vorstellung von einem Theaterbau nicht verwirklicht würde – „für die kommenden 100 Jahren kein Theater“. Dabei bot er in seiner täglichen Arbeit ein Theater, das viel umstritten war, aber von treuen Heilbronnern auch geliebt wurde.

Werktreue, ein in der Theater-Experten-Diskussionen überstrapaziertes Wort, gehörte zu seinem alltäglichen Wortschatz; ebenso das aus der Musik entlehnte Wort „Vom Blatt spielen“. Absolutheitsansprüche für die Dramaturgie. Walter Bisons Lieblingsschauspieler und –Intendant Gustaf Gründgens wurde oft zitiert: „Lieber weniger glänzend, aber richtig - als faszinierend und falsch.“

„Ein Theater der Entspannung“ und ein „Theater der Haltung“ – Stichworte, die Bison-Theater inhaltlich umreißen sollten. Walter Bison, der die Figuren in seinem Theater „erregend und natürlich“ herstellen wollte, der mithalf in seinem 26 Heilbronner Jahren an die 500 Inszenierungen anzubieten, war ein Mann mit Standvermögen – lang und durchhaltend.

Walter Bison ist der Intendant des „Heilbronner Theater-Provisoriums“ - und damit ist er einer jener Männer, die in kulturfeindlichen den Theatergedanken am Leben hielten. Eine Arbeit, die vor allem die Heilbronner Kulturpolitik der Nachkriegszeit kennzeichnet. Eine Zeit, die mit seinem Tode nicht abgeschlossen ist. Sie begegnet uns alltäglich. Nicht nur im Erinnern.

Rhein-Neckar-Zeitung, 20. April 1985
Neckar Express, 21. April 1985